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Es weihnachtet

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • 25. Dez. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Dez. 2025


Wandbild im `Fähr-Haus'
Wandbild im `Fähr-Haus'

25. Dezember 2025 · Seit vielen Jahren schon wirkt ein Tag wie der Heiligabend auf mich nicht mit einer besonderen Kraft ein. So macht es mir nichts aus, diesen Tag allein zu verbringen, ich liebe den Tag gerade deswegen. So auch wieder in diesem Jahr. Es schien den ganzen Tag eine unmissverständlich radikale Sonne, es blies jedoch ein eiseskalter Wind aus östlicher Richtung.

 

Einige Stunden nachdem es dunkel geworden war, machte ich mich mit meinem Dreirad auf, langsam durch die Straßen unseres Ortes zu fahren und hinter den Fenstern der Häuser die Weihnachtsbäume leuchten zu sehen. Das wiederum rührt mich dann doch und entführt mich in Erinnerungen an die Kindheit. So wie ich auch gestehe, dass ich an den Nachmittagen gerne Sendungen wie »wir warten auf das Christkind« oder eben den Weihnachtsmann, abhängig davon, welcher Sender spielt, gestern war es bei mir BR Klassik, also hatte das Christkind Dienst...

 

Durch die kalte Nacht


Durch die menschenleere Fußgängerzone geradelt, gleich um die Ecke meiner Wohnung, die ich vor wenigen Monaten bezogen habe, alles menschenleer, nur in den Vestibülen der Banken und der Sparkasse haben sich Obdachlose eingerichtet. Gut, dass man ihnen wenigstens diese Möglichkeiten gibt.


Der 'Utkiek' in Vegesack · Das Haus in der Mitte ist das 'Fähr-Haus'
Der 'Utkiek' in Vegesack · Das Haus in der Mitte ist das 'Fähr-Haus'

Dann habe ich mich in meine neue Stammkneipe hier, dem `Fähr-Haus‘, das neben dem ‚Grauen Esel‘, dem ‚Hafen-Burger‘, dem ‚Hotel Restaurant Strandbude‘ und dem Restaurant ‚Goden Wind‘, die nördliche Kante der Einfahrt aus der Weser in den Vegesacker Museumshafen bildet. Ich war noch recht früh, das Lokal hatte angezeigt gehabt, dass es um 21 Uhr an dem Abend öffnet. So fand ich noch einen meiner Lieblingsplätze unbesetzt vor.


Es wird voll


Dann setzte aber schon bald der große Ansturm an derer, die von ihren familiären Kartoffelsalaten mit Bockwurst und ihren Bescherungszeremonien Flucht ergreifen, sehr viele junge Leute also, um sich hier wiederzutreffen, weil sie auf die gleiche Schule gegangen waren, dort zusammen ihr Abitur gemacht haben, mittlerweile aber in aller Welt zerstreut lernen, studieren, arbeiten, aber es sie eben zu Weihnachten jedes Jahr wieder nach Hause treibt oder zieht. Sie trinken, trinken, rauchen, rauchen, und ich sitze dazwischen, kennen niemanden, durch meine regelmäßigen Besuche nur die Frauen, die an der Theke sehr geduldig den reibungslosen Ausschank garantieren.


Weihnachten, irgendwo im Westen, in den 50er Jahren
Weihnachten, irgendwo im Westen, in den 50er Jahren

Blicke


Ich schaue dem Treiben zu, ich lasse auch meine Blicke durch den nicht sehr großen Raum streifen, es gibt durchaus junge Männer, die meine intensiveren Flirtversuche abbekommen, auf zwei junge, kräftige Männer habe ich es abgesehen, die sogar beschämend meine Blicke erwidern. Aber daraus entwickelt sich nicht mehr, zumal in diesem randvoll virilen bis machistischen Ambiente wird sich kaum jemand Blöße geben wollen, mit einem anderen Mann allzu lange in Blickkontakt zu verbleiben. Aber auch das unilaterale Fixieren macht mir Spaß, das prickelt.


Am Ende wird es im Lokal voller, voller und voller, längst sitze ich nicht mehr alleine an meinem Stammtisch, die anderen vier, die sich dazu gesellt haben, schreien sich gegenseitig an, ich verstand davon nichts, denn es ist mittlerweile so laut durch die große Menschenmenge geworden, so dass sich nun alle in sehr hoher Lautstärke miteinander unterhalten müssen. Dazu dröhnt die Musikbox, die heutzutage nicht aus einer kleinen in einer Ecke stehenden Ecke tönt, sondern über schwere an der Decke hängende Lautsprecherboxen ihre Songs verbreitet und die in ihrer Mehrheit musikwissenschaftlich gesehen in den 70-er und 80-er anzusiedeln sind, also auch lautstark.  

 

Heimfahrt


Meine mobile 'Armada'
Meine mobile 'Armada'

Nach zwei Hefeweizen nehme ich meinen Gehstock, zahle meine Zeche, verlasse die laute, vollgequalmte Gaststube, ziehe mir meine wollene Sturmhaube über, die ich am Tag vorher von einem guten Freund geschenkt bekommen hatte. Darüber noch meine Stetson-Wollmütze, die gefütterte Lederjacke bis oben zugeknöpft. Lederhandschuhe, innen mit Lammfell bezogen, ich schwinge mich auf mein Dreirad und fahre an der Weser entlang durch den Stadtpark, allein auf weiter Spur und genieße die gute Luft und das leise Schlagen der Wellen des Flusses, in dem die Flut am Steigen ist. Am Ende geht es die Rampe hoch in die Straße, in der ich wohne, öffne mir das Tor der Tiefgarage mit dem Drücken auf die Fernbedienung, lasse das Rolltor hochklappern, fahre die Abfahrt hinab, rolle auf meinen Stellplatz, zückte die Fernbedienung erneut, lasse das Tor hinunterfahren, parke mein Dreirad in meiner Parkbucht ein, in dem außerdem mein Ersatzelektroroller wie mein auf meine Behinderung eingerichteter PKW stehen.

 

Ich nehme den Fahrstuhl aus der Tiefgarage in das zweite Stockwerk, schließe die Tür zu meiner 2-Zimmer-Wohimg auf, die mich mit einer durch die Fußbodenheizung wohligen Wärme empfängt, schenke mir noch einen Scotch ein, setze mich an meinen PC, der noch in Betrieb war, schreibe den bis hierher schon recht übersichtlich verfassten Bericht, den ich von meinem Heiligabend schildern kann.


Ich archiviere den Text für den kommenden Tag, um ihn dann noch einmal durchzusehen und ihn bebildert in das Internet zu stellen. Ich gönne dem PC und den Monitoren ihre Ruhe, mache alle Lichter aus und lege mich in mein Bett, ziehe mir die Decke über die Nase, sehe mir noch den am Nachmittag angefangenen Weihnachtsfilm im Tablet ein, schlafe irgendwann wohl dabei ein.

 

Heute nun, am Nachmittag des Ersten Weihnachtstages korrigiere ich mein gestern Geschriebenes und stelle es gleich in den virtuellen Raum. Und denke mir, nein, kein schlechtes Leben, wirklich nicht. Andere mögen viel, viel trauriger sein, doch, es geht mir gut.


Gutenachtgruß


So freue ich mich über die Bilder von vier Menschen, die mir vorm Zubettgehen noch zugelächelt haben: aus dem Regal von zwei Suhrkamp-Buchcovern herab die gute Margot Friedlaender und zwei junge Männer von einem s/w-Foto aus den dreißiger Jahren auf dem Fotoband »MORE LOVING«. Und von der Seite das letzte fröhliche Foto meines Mannes mit dem Liebesspruch vom ganzen frühen Anfang unserer Liebe, als er mir auf einer Paul-Klee-Postkarte schrieb »Lieber Günter, ich bin bei dir. Dein Hartmut.« Doch, das tut alles sehr gut.


Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info

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