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Kennst Du den? (zum zweiten...)

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 36 Minuten

5. Februar 2026 · Zurück in den September 2020: damals betitele ich einen Beitrag in diesem Blog mit der Überschrift »Kennst Du den?« (>>> Link) und fragte damit nach dem Autor, in dessen Lesung ich ein paar Tage vorher in Bremen im Hof des Johann Jacobs Hauses in der Langenstraße 13 gestolpert war. Es war eine Veranstaltung der damals noch existierenden historischen Bremer Buchhandlung Johs. Storm* im Rahmen des alljährlichen Ein-Tages-Festivals Bremen liest!. Damals kannte ich den vorlesenden Autor noch nicht sehr lange, erst vor recht kurzer Zeit hatte ich ihn kennen, schnell aber schätzen gelernt, heute kann ich sagen: mittlerweile sind wir befreundet. Es ist und er schreibt und veröffentlicht unter diesem Namen: Klaus Johannes Thies.


An dem erwähnten Spätsommerabend las er damals aus seinem gerade erschienenen »Tango ohne Argentinien« (Edition Azur, 2020). Nun ist ein neuer Band von ihm erschienen, das »Lesebuch Klaus Johannes Thies« und zwar im Aisthesis Verlag in Bielefeld, als Band 147 der von Walter Gödden herausgegebenen Reihe Nylands Kleiner Westfälischen Bibliothek, in der neben weniger bekannten auch viele illustre Namen von Autoren und Autorinnen, die Bezug zur Regionen Westfalen und Rheinland haben, erschienen sind (siehe unten in den Weblinks).


Thies, 1950 in Wuppertal, damit im Bergischen Land, also im Rheinland geboren, in Bielefeld aufgewachsen und sozialisiert, also in Westfalen, passt also bestens, nahezu zwingend, als Autor in diese Sammlung. Der Name Nyland dieser literarischen Reihe erklärt sich durch die Nyland-Stiftung, der 1955 vom Schriftsteller Josef Winckler in Köln gegründeten literarischen Institution, deren Hauptzweck die Förderung und Dokumentation der Literatur aus dem Rheinland und Westfalen ist.


Asche über mein Haupt


Und schon wieder musste ich mich fragen: Kennst Du den? Dieses Mal war es der Name von Thies' neuem Verlag. Denn trotz meiner zwei letzten Berufserfahrungen, der siebenjährigen als Buchhändler und der dreißigjährigen als Literaturagent, hatte ich den Namen noch nie bewusst wahrgenommen. Nach Studium deren Verlagsprogramm gehören mir gehörig viele der sprichwörtlichen Eimer mit Asche über mein Haupt geschüttet.


Jene meiner Leser, die diesen seit mehr als 40 Jahren aktiven Verlag durchaus kennen und schätzen, und erst recht den Verlag selbst, bitte ich um Entschuldigung meiner Ignoranz. Ein Besuch des Programms des Verlages macht deutlich, wie umfangreich und vielfältig es ausfällt.



Als Herausgeber dieses Bandes mit Miniaturen - denn diese schreibt Thies in der Hauptsache - zeichnet der Aisthesis-Lektor Hanns -Martin Rüter verantwortlich, der den Inhalt in zwei Teile halbiert; der erste enthält 65 Texte aus sechs der Thiesschen zwischen 1986 erschienenen früheren Publikationen. Den zweiten Teil bilden weitere 45 Stücke, denen Rüter den Titel »Aus dem Archiv« gibt. Ich weiß, dass Thies' Archiv noch viele, viele Texte birgt. Er ist ein unermüdlicher Schreiber.


Wieder mal ein Gastautor


Leser, die meinen Blog schon länger besuchen, kennen die Rubrik My Ghost Writers, in der ich gerne Gäste ihre Beiträge, Profis wie Laien, wie ich einer bin, beitragen lasse. Heute ist es der Journalist und Literaturkritiker Stefan Brams, Kulturchef bei der Neuen Westfälischen Zeitung, der äußerst angetan über dieses feine Lesebuch schreibt. Es versteht sich, dass dieser Abdruck in meinem Blog die ausdrückliche Billigung seines Autors hat. Und mich verschont es vor dem Vorwurf der Befangenheit, wenn ich als Freund des Autors den Band - wie sollte es denn anders sein? - sehr positiv rezensierte!

Stefan Brams

Lesenswerte Mini-Geschichten

Der Bielefelder Aisthesis Verlag widmet dem »Auch-Bielefelder«

Klaus Johannes Thies ein Lesebuch.

Eine literarische Entdeckung - mit melancholischem Einschlag


Bei brasilianischen Leserinnen und Lesern, aber auch bei Autorinnen und Autoren sind »Microcontes« sehr beliebt. Der Begriff steht für Kürzestgeschichten, die sehr unmittelbar und mit viel Sprachwitz ausgestattet das Alltagsleben des südamerikanischen Landes spiegeln und auch dem hiesigen Leser durchaus Vergnügen und Erkenntnis bereiten.


Etwas von diesen »Microcontes« haben auch die Kurztexte, auf die sich der aus Wuppertal stammende und in Bielefeld aufgewachsene Klaus Johannes Thies (75) spezialisiert hat.


Doch anders als in Brasilien hat es diese - nicht wirklich definierte literarische Gattung - hierzulande eher schwer. Was schade ist, den in der Kürze liegt ja bekanntlich so manche Würze.


Umso begrüßenswerter ist es, dass Hanns-Martin Rüter, Lektor des Bielefelder Aesthesis Verlags, im selbigen jetzt ein kompaktes Lesebuch mit gleich 110 Minitexten von Thies zusammengestellt hat und Walter Gössen sie in der Reihe »Nylands Kleine Westfälische Bibliothek« als Band 147 herausgegeben hat.


65 de Texte stammen aus sechs zwischen 1986 und 2020 erschienenen Büchern von Thies und weitere 45, die unter dem Titel »Aus dem Archiv' zusammengefasst sind, sind Erstveröffentlichungen. Noch ein Grund, zu dem 156 Seiten umfassenden Band zu greifen.


Doch in erster Linie lohnt der Zugriff, weil der Autor die wunderbare Gabe besitzt, sehr genau Menschen und Erscheinungen des alltäglichen Seins zu beobachten und das Entdeckte wie ein Dichter zu verdichten, sprachlich so zu konzentrieren, dass der Leser nicht lassen mag von seien Mini-Texten, weil sie einen unwiderstehlichen Sog und knappen Theis-Sound entwickeln. Bei aller Disparatheit der Texte arbeitet Rüter in seinem Nachwort sehr treffend heraus, das sie als »verbindendes Element einen melancholischen Grundton haben, der für mehrere Gefühle ähnlicher Ausrichtung steht: Sehnsucht, Schmerz, Nostalgie, Einsamkeit...«.


Doch keine Sorge: Dunkel kommt dieses Lesebuch trotz dieses Grundtons nicht daher. Da sind diese kleinen sprachlich-witzigen Wendungen, die aufblitzenden schelmischen Gedanken des Autors, die oft ein Augenzwinkern auslösen. Kostprobe: »Goldfische würden auch gern einmal stehen bleiben, / vom Fahrtenschwimmen befreit, / sich hinsetzen / und jemanden fragen, wie weit es noch sei, / bis man im Badezimmer ist, / sich einmal gründlich abtrocknen, / mit einem orangefarbenen Handtuch, / bevor es wieder von vorne beginnt, / diese Gewohnheit, die nie aufhören wird.«


Kann man schöner von der Sehnsucht eines Fisches schreiben, einmal nicht mehr schwimmen zu müssen, aus dem ewigen Rhythmus, dem Leben im Nass auszubrechen?


Für die Bielefelder hält der Band noch etwas Besonderes bereit. Thies spießt immer mal wieder auch Erscheinungen des Bleifelder Lebens in seinen Texten auf (»Was für ein Wort: Ruβheide? Wer möchte dort freiwillig hin? Ruβheide, umgeben von Stauteichen«.)


Doch obwohl er hier bei uns aufgewachsen ist, ehe es ihn 1975 nach Bremen und 2000 zudem nach Berlin zog, ist dieses Lesebuch kein Bielefeld-Buch, sondern eines über unser so wundersames Leben und das alltägliche Sein im Allgemeinen.


Wie formulierte der große Verleger und Autor Michael Krüger einst über Thies so schön: »Wenn er einmal den Kleist-Preis (oder einen anderen Preis) erhält, dann können alle, die sein Buch gelesen haben, sagen, sie hätten es schon immer gewusst.« Nur zu. Das Lesebuch wartet.


»Lesebuch Klaus Johannes Thies": Zusammengestellt von Hanns-Martin Rüter, 156 S., Aisthesis Verlag, Bielefeld 2025, 10 Euro.


* Die Buchhandlung Johs. Storm feierte im Frühjahr 2022 ihr 125-jähriges Bestehen, zu dem Zeitpunkt die älteste Buchhandlung Bremens, musste aber bald danach, im Mai 2024, schließen. Hier noch die kleine Festschrift zum Jubiläum: Link

Weblinks:

  • Autorenseite K.J. Thies: Link

  • Homepage Aisthesis Verlag: Link

  • K.J. Thies im Gespräch: Link

  • Alle Autoren in der Bibliothek: Link

  • Nachwort von Hanns-Martin Rüter: Link

Reaktionen:

  • »Wie schön Sie das alles erzählen, schreiben, mitteilen und in die Welt setzen.« · Hanns-Martin Rüter, Lektor

  • »da ist meine rezension bei ihnen ja sehr schön aufgemacht rausgekommen. es freut mich sehr, dass sie sie in dieser form präsentiert haben. dem buch wünsche ich viele leser.« · Stefan Brams, Journalist

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info

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