Hoffnung radikalisieren > Zuversicht


22. Oktober 2026 · Wie lässt sich in einer Welt, die von Klimakrise, gesellschaftlicher Spaltung, Kriegen und zunehmender Verunsicherung geprägt ist, Zuversicht bewahren, ohne die Wirklichkeit zu beschönigen? Dieser Frage widmet sich Jan Bleckwedel in seinem Buch »radikal hoffen. Unterwegs zu einer Praxis der Zuversicht in einer verstörenden Welt«, das er kürzlich in seinem Hausverlag Vandenhoeck & Ruprecht Verlag in Göttingen herausgebracht hat.
Seine Antwort ist ebenso anspruchsvoll wie ermutigend: Hoffnung ist weder naiver Optimismus noch passives Warten auf bessere Zeiten. Sie entsteht dort, wo Menschen die Realität aufmerksam wahrnehmen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam an einer anderen Zukunft arbeiten.
Bleckwedel versteht die gegenwärtigen Krisen nicht als voneinander unabhängige Fehlentwicklungen, sondern als Ausdruck einer grundlegenden Krise der Zivilisation. Eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die auf grenzenloses Wachstum, Konkurrenz, Macht und permanente Steigerung setzt, gefährdet ihre eigenen natürlichen und sozialen Grundlagen. Bleckwedel stellt dieser zerstörerischen Logik eine schöpferische Alternative gegenüber: Kooperation, gegenseitigen Respekt, Begrenzung und die Orientierung am Gemeinwohl. Der entscheidende Perspektivwechsel führt vom isolierten Ich zum miteinander verbundenen Wir.
Reale Utopie
Dabei entwickelt Bleckwedel keine abstrakte Utopie, sondern verbindet systemisches Denken, evolutionäre Überlegungen, psychologische Erkenntnisse und kulturelle Erfahrungen. Besonders aufschlussreich ist seine Unterscheidung zwischen persönlich empfundener, kommunikativ geteilter und kulturell gestalteter Zuversicht. Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten ist wichtig, reicht aber nicht aus. Zuversicht gewinnt Kraft, wenn Menschen ihre Erfahrungen miteinander teilen, sich gegenseitig stärken und gemeinsam Vorhaben verwirklichen. Hoffnung wird so zu einer sozialen und gesellschaftlichen Ressource.

Eine besondere Stärke des Buches liegt darin, dass Bleckwedel Zuversicht nicht mit ungebrochener Positivität verwechselt. Melancholie, Trauer, Angst und Zweifel gehören für ihn ebenso zum Hoffen wie Freude und Zukunftsvisionen. Wer die bedrohlichen Tatsachen ausblendet, gewinnt allenfalls kurzfristige Entlastung. Tragfähige Hoffnung setzt vielmehr voraus, den Schmerz über den Zustand der Welt auszuhalten und dennoch handlungsfähig zu bleiben. Auch das Scheitern schließt sie nicht aus: Projekte müssen nicht vollkommen gelingen, um neue Möglichkeiten zu eröffnen und sinnvolle Veränderungen anzustoßen.
Viele Denkanstöße und diversen Richtungen
Die zwölf Kapitel umkreisen das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Bleckwedel schreibt essayistisch, erzählt anschaulich und verknüpft seine Überlegungen mit zahlreichen Denkanstößen aus Philosophie, Literatur, Psychologie und Ökologie. Das macht die Lektüre abwechslungsreich und eröffnet vielfältige Zugänge. Zugleich verlangt die Fülle der Bezüge Aufmerksamkeit. Manche weitreichende Diagnose und manche grundsätzliche Gegenüberstellung hätte von einer ausführlicheren Begründung oder einer kritischeren Auseinandersetzung mit Gegenpositionen profitiert. Auch der Weg von der überzeugenden Vision zur konkreten politischen Umsetzung bleibt stellenweise eher skizziert als ausgearbeitet.
Diese Einschränkungen schmälern den Wert des Buches aber in keiner Weise. Denn Bleckwedel möchte weniger ein geschlossenes wissenschaftliches System präsentieren als einen Denk- und Handlungsraum eröffnen. Seine zentrale Botschaft lautet: Was Menschen geschaffen haben, können sie auch verändern. Die zahlreichen kleinen Initiativen, gemeinschaftlichen Projekte und alltäglichen Praktiken der Mitmenschlichkeit sind für ihn keine belanglosen Lichtblicke, sondern Keimformen einer anderen Entwicklung.
Ein Plädoyer
radikal hoffen ist ein engagiertes Plädoyer für eine Zuversicht, die weder die Augen vor Krisen verschließt noch sich von ihnen lähmen lässt. Das Buch richtet sich an Menschen, die nach Orientierung suchen und sich fragen, wie persönliches Handeln, gesellschaftliche Verantwortung und die Vorstellung einer besseren Zukunft zusammenfinden können. Es macht Mut, ohne einfache Lösungen zu versprechen. Seine vielleicht wichtigste Einsicht: Hoffnung entsteht nicht erst, wenn die Welt wieder in Ordnung ist. Sie beginnt dort, wo Menschen sich verbinden und trotz aller Unsicherheit gemeinsam damit anfangen, sie zu verändern.
Kurze Nachlese
Was dem Buch allerdings sicher gutgetan hätte, wäre ein »volkstümlicherer« VK-Preis gewesen; denn es ist leicht und entspannt lesbar und könnte so einen Weg in die Nähe eines Erfolgs gehen, wie es Stéphane Hessel mit seinem „Empört Euch!“ („Indignez-vous!“) vor 16 Jahren bei Éditions Indigène in Montpellier gelungen war und das in über 40 Sprachen übersetzt wurde. Aber mit seinen 26 Euro wird das Buch den eher eingeschränkten Leserkreis von Therapeuten und Wissenschaftlern kaum sprengen können. Bleckwedels Verlag sollte vielleicht versuchen, von radikal hoffen eine Taschenbuch-Lizenz einem Verlag anzubieten. Dazu könnte man den Text inhaltlich ein wenig populärer gestalten, auf die Fußnoten verzichten und die Literaturliste kürzen.

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