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Ein Bühnen-Coup?

Autorenbild: Guenter G. Rodewald
Guenter G. Rodewald
vor 3 Tagen
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Stunden

17. September 2026 · Obwohl Michael Börgerding - der langjährige Intendant des THEATER BREMEN - kaum jemals selbst in der Funktion eines Inszenators einer der rund 400 Produktionen gezeigt hat, die er als Prinzipal der zu seinem Bremer Theater gehörenden Bühnen oder Spielflächen während seiner Lebenszeit zu verantworten hatte, so hätte doch die Idee zu dem bestens gelungenen Coup am vergangenen Montag von ihm persönlich stammen können. Denn, alles das, was auf einer Bühne möglich zu machen ist, was wirkt, zu einem Gag, einem geistreichen Streich, ein in langer Erinnerung bleibender Regieeinfall, all diese Finnessen beherrschte er.


So konnte die Idee, wie die Präsentation der Hommage an ihn von insgesamt 353 Seiten begann, sehr gut von ihm selbst hätte stammen können. Denn Diana König, als Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Theaters, musste dem zahlreich im Foyer des Theaters erschienenen Publikum eröffnen, dass man mit dem Buch, das man hier und heute vorstellen wollte, nicht dienen könne, nur ein Bild des Covers und einen Dummy desselben könne man vorerst nur zeigen. Aber! Man wisse, die Palette mit den fertigen Drucken sei unterwegs, stecke aber irgendwo auf der Strecke fest. Greifen wir aber vor: tatsächlich lag am Ende der Vorstellung in vielfachen Exemplaren der rosafarbene Band auf der Verkaufstheke und konnte erworben werden, bzw. den Pressevertretern und engsten Freunden des Hauses überreicht werden!


So also Vorhang auf!



Auch ohne dass man das gedruckte Prunkstück schon physisch im Raum zeigen konnte, stellten es sechs Personen mit jeweils wenigen, aber persönlichen Worten, wie die Idee dazu kam, wie es entstand, welche Gedanken man sich gemacht habe, wie es aussehen und was es beinhalten sollte. Diese Aufgabe übernahmen neben Personen, die seit langem mit Börgerding gearbeitet haben oder ihn schon aus Zeiten vor seiner Bremer Zeit kannten: Diana König, Swantje Markus (Geschäftsführerin des Theaters), Carmen Emigholz (Staatsrätin für Kultur Bremen), Johannes Erler (Entwickler des Corporate Design des Theaters Bremen), Hendrik Werner (Referent beim Senator für Kultur Bremen) und Gregor Runge (Künstlerische Leitung & Leitung Tanz).


Von links: Gregor Runge, Swantje Markus, Carmen Emigholz, Diana König, Hendrik Werner, Johannes Erler · Foto: Jörg Langsberg
Von links: Gregor Runge, Swantje Markus, Carmen Emigholz, Diana König, Hendrik Werner, Johannes Erler · Foto: Jörg Langsberg

Dazu lasen Ensemblemitglieder zwei Texte aus dem Buch vor: die Tänzerin Nora Ronge aus »Krise als produktiver Zustand« (Essay von Gabrio Gabrielli, Alexandra Morales und Gregor Runge) vor, bei dem sie einige Male stocken musste. Und auch bei dem Schauspieler Guido Gallmann mit »Das Februar Editorial - Es gibt immer eine Lösung« (Link) hatte man den Eindruck, ihm rutschten bisweilen die Worte nach hinten. War das ein Wunder? Schließlich schwirrten inmitten der freudigen Buchpräsentation auch Momente der Trauer und Ergriffenheit durch den Raum. (Die beiden erwähnten Texte sind im Buch enthalten.)


»MEHR GEGENWART GEHT KAUM«


»Mehr Gegenwart geht kaum« – mit diesem Satz hat Michael Börgerding seine Zeit am Theater Bremen einmal beschrieben. Heute bekommt die Aussage noch einmal ihre Bedeutung. Denn das Buch trägt genau diesen Titel, dazu in den großen Blocklettern der Futura Condensed Bold, die Bremen und die Theaterwelt als das kaum verwechselbare Image des Bremer Theaters kennen Es blickt auf die Jahre von 2012 bis 2027 zurück und erinnert an den im Januar 2025 überraschend verstorbenen Generalintendanten.

 

Auf seinen 353 Seiten geht es dabei nicht einfach nur um eine chronologische Rückschau auf vergangene Spielzeiten. Vielmehr kommen unterschiedliche Stimmen zu Wort, die Börgerdings Arbeit und die Entwicklung des Theaters aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Gerade dadurch entsteht ein persönlicher und vielstimmiger Blick auf seine Intendanz.


Aufgeteilt ist die Dokumentation in SIEBEN THESEN ZUM STADTTHEATER, die Michael Börgerding, kurz vor Beginn seiner Intendanz im Juni 2012 im Kleinen Haus des Theaters vorstellte: I. STADTTHEATER · II. SYSTEM UND UMWELT · III. KUNST · IV. RISIKO · V. SICKSTER UND HIPSTER · VI. DER LOOP · VII. THEATERBREMEN.

 

Die Schauspielbühnen: Unterschiedliche Handschriften und große Geschichten

 

Börgerding hatte Germanistik in Göttingen studiert und war dem Theater auch als Dramaturg eng verbunden, unter anderem am Schauspielhaus Hannover und am Thalia-Theater in Hamburg. In Bremen setzte er dann von Anfang neue, aufeinander abgestimmte Schwerpunkte. Im Schauspiel auf starke Geschichten und ein Ensemble, das unterschiedliche künstlerische Perspektiven zuließ. In seiner Amtszeit reichte das Spektrum von eher leisen und persönlichen Auseinandersetzungen mit der Gegenwart bis zu groß angelegten Inszenierungen klassischer Stoffe. Arbeiten von Alize Zandwijk und Felix Rothenhäusler gehörten dabei zu den prägenden Beispielen.

 

Das Buch macht nachvollziehbar, wie am Theater Bremen immer wieder gesellschaftliche und politische Fragen auf die Bühne kamen. Gleichzeitig wird deutlich, dass dabei nicht nur über große Themen gesprochen wurde, sondern auch über ganz persönliche Erfahrungen und das, was Menschen bewegt.

 

Das Bremer Musiktheater: Tradition neu betrachtet

 

Auch in der Oper spielte die Auseinandersetzung mit dem Bestehenden eine wichtige Rolle. Das Musiktheater am Goetheplatz wurde unter Börgerding zu einem Ort, an dem bekannte Werke nicht einfach nur reproduziert, sondern aus heutiger Perspektive neu betrachtet wurden.


Unter anderem prägten die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Frank Hilbrich und den Bremer Philharmonikern diese Entwicklung. Klassisches Repertoire und aktuelle Fragestellungen standen dabei häufig eng nebeneinander.


Im Buch finden sich neben Erinnerungen auch Kritiken aus dieser Zeit. Dadurch lässt sich die Entwicklung noch einmal aus unterschiedlichen Blickwinkeln nachvollziehen.

 

Getanzt wurde auch

 

Eine besondere Veränderung gab es in der Tanzsparte. Börgerding holte den Choreografen Samir Akika nach Bremen, der dem zeitgenössischen Tanz mit seiner Company »Unusual Symptoms« eine neue Ausrichtung gab. Die entstandene Dance-Company stand für einen zeitgenössischen, internationalen und körperlich sehr direkten Stil. Damit bekam der Tanz am Theater Bremen wieder eine deutlich stärkere Präsenz. Das Buch widmet dieser Entwicklung entsprechend viel Raum und zeigt, welche wichtige Rolle und Bedeutung „Unusual Symptoms“ für die Wahrnehmung Bremens als Tanzstandort spielte.

 

Ein gemeinsames Haus für vier Sparten

 

Eine der interessanteren Perspektiven des Buches liegt darin, dass Schauspiel, Oper, Tanz und das Junge Theater (Moks) nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Das spartenübergreifende Arbeiten war ein wichtiger Bestandteil von Börgerdings Vorstellung vom Theater.


Auch die Menschen hinter den Produktionen kommen ausführlich zu Wort. Das heutige Leitungsteam erzählt davon, wie das Haus nach Börgerdings Tod 2025 weitergeführt wurde. Dazu kommen Erinnerungen und Anekdoten von Künstlerinnen, Technikern und langjährigen Wegbegleitern.


Ergänzt wird das Ganze durch die klugen und beliebten Kolumnen Börgerdings, die er für das Online-Magazin des Theaters schrieb. Gerade diese persönlichen Texte geben dem Buch noch einmal eine andere, unmittelbare Ebene. Gerade auch während der Corona-Pandemie waren sie wichtige Pfeiler, um die Kommunikation in den langen Zeiten mit dem Publikum und dem Ensemble und allem Machern des Hauses aufrecht zu erhalten, in denen keine Vorführungen stattfinden durften oder nur unter strengen Erschwernissen und Einschränkungen.


Das äußerliche Kleid


129 farbige fotografische meisterhafte Zeugnisse, alle - bis auf eine einzige Ausnahme, die stammt von Philip Frowein - haben den Hausfotografen und Jörg Landsberg zum Urheber, sie illustrieren nicht nur einfach die Texte, sondern vermitteln den spirit viele der diversen Produktionen aller Sparten des Hauses.


Ergänzend schmeicheln und erfreuen das Auge des Lesers und der Leserin das gesamte Layout und dessen Typografie, das mittlerweile bereits 15 Jahre lang die Identität des Theaters Bremen erfolgreich verbreitet, ohne zu ermüden.


Das ganze Werk ist schlicht weg ein wirkliches Schmuckstück geworden!


Der Vorhang fällt – Applaus!


»Mehr Gegenwart geht kaum« ist somit nicht nur eine Dokumentation vergangener Theaterjahre. Das Buch verbindet Rückblick, persönliche Erinnerungen und Einblicke in die Arbeit eines Hauses, das über viele Jahre von Börgerdings Vorstellungen geprägt wurde.

 

Man kann sicher sein, dass Michael Börgerding diese Hommage an seine Person und die demokratische Führung »seines« Hauses gefallen hätte, und zwar in jeder Beziehung, was ihren Inhalt, ihre Ausstattung, ihre Komplexität betrifft. Obwohl man sich sehr gut vorstellen könnte, dass seine für einen Theaterintendanten ungewöhnliche Bescheidenheit ihn hätte bitten hören: »Macht doch bitte um mich nicht einen solchen Aufstand!«

 

Aber was ihm ganz sicher sehr gefallen hätte und was ein großartiger Einfall der Redaktion dieses Buches bedeutet, dass auf‘s Engste bedruckte 15 (in Worten: fünfzehn) Seiten die sämtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen während Börgerdings Intendanz bis in die aktuelle Spielzeit namentlich aufgereiht werden: Von der künstlerischen und geschäftsführenden Leitung über die Ensembles aller Sparten, die technischen Abteilungen, die Maske, das Kostüm, die Verwaltung bis hin zu den Reinigungskräften, und wieder zurück bis zum Aufsichtsrat. Wenn man nur ganz grob überschlägt, kommt man auf über 2.000 Namen, die in diesen Kolumnen auftauchen, und dahinter stecken ebenso viele Menschen.

 

Wärme und Zuneigungen


Das Buch macht einen fühlen, dass es mit großer Wärme, Zuneigung, auch mit Vergnügen, aber sicher auch mit immer wieder auftauchender Traurigkeit entstanden ist, und dass wohl nahezu alle, die in diesem Register aufscheinen, eine gute Erinnerung an ihren Prinzipal haben und bewahren. Auch wenn unter all diesen Menschen welche sein werden, die auch mal, vielleicht sogar häufiger, mit ihrem Chef gestritten, gezofft oder sich sogar mit ihm verkracht haben. Aber auch das gehört dazu, erst recht in einem Theater!

 

Wer sich für die Entwicklung des Theater Bremen interessiert oder Michael Börgerdings Person und Arbeit noch einmal aus unterschiedlichen Perspektiven kennenlernen möchte, kommt nicht umhin, diese umfangreiche, immer wieder auch intime Sammlung zu erwerben. Das Buch kostet faire 18 Euro und ist direkt an der Theaterkasse des THEATER BREMEN erhältlich.


Man könnte noch weitergehen: dieses Buch sollte von allen, die sich mit diesem Theater und seinen Künstlern und Machern verbunden fühlen, erworben, gelesen und ins Regal gestellt werden. Man kann also nur hoffen, die Höhe der Auflage wurde großzügig bemessen! Wenn nicht, muss nachgedruckt werden.



Weblinks:

  • Homepage | THEATER BREMEN: Link

  • Börgerding auf THEATER BREMEN: Link

Reaktionen:

  • »Danke für die schöne Würdigung!« · L.K., Journalistin und Literaturkriterin, Bremen/Berlin

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: guenter.rodewald[at]mercadodelibros.info 

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