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Einmal Verlegerin, immer Verlegerin

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • 22. Aug.
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

22. August 2026 · Eine solche Platitude als Titelzeile hätte eine der Les Grandes Dames der deutschsprachigen Verlagslandschaft vehement abgelehnt, erst recht, wenn sie sich bezöge auf ihre gerade das Licht der verlegerischen Welt erblickt habende Veröffentlichung. Es dreht sich um Elisabeth Raabe, jahrzehntelange Editorin, zusammen mit Regina Vitali in den von ihnen geleiteten Verlagen, zum Ende seit 2008 mit der edition momente, der seinen Sitz in Zürich und Hamburg hatte.


Von der Elbe, in Hamburg, zog es die beiden Frauen vor zwei Jahren an die Limmat, nach Zürich. Für Regina Vitali in ihre Heimat, für Elisabeth Raabe weit weg aus der ihren, geboren in Oldenburg i.O., lange in Hamburg gelebt und gearbeitet, aber eben auch schon vorher eine geraume Zeit in Zürich, als die beiden Frauen 1982 den traditionsreichen, von Peter Schifferli (1921 - 1980) im Jahre 1944 gegründeten Arche Verlag übernahmen.


Kalender-Klassiker


Elisabeth Raabe ist schon immer neben ihrer Tätigkeit als Verlegerin in die Rolle der Herausgeberin und Autorin geschlüpft. Zusammen mit Regina Vitali hat sie von 1985 bis 2005 im Arche Verlag, ab 2006 im Arche Kalender Verlag und seit 2019 bis 2024 in der edition momente den Arche Literatur Kalender herausgegeben. Immer in dem Layout und der grafischen Gestaltung von Max Bartholl. Die Ausgabe für das Jahr 2024 mit dem Thema "Momente der Sehnsucht" mit dem wunderbaren Foto von Françoise Sagan als Cover bildete dann den Abschluss der 39 Jahre Leben dieser Literarischen Schmuckstücke. Alle Kalender immer ausgestattet mit seinen wöchentlich wechselnden Bildern und authentischen Zitaten aus Autobiografien, Briefen und Erinnerungen oder autofiktionalen Texten zu einem bestimmten Thema aus dem Leben von Autor:innen der Weltliteratur. Dabei hat es in all den Ausgaben nie ein Bild, nie ein Zitat gegeben, das zweimal aufgetaucht wäre, womit wir bei fast 2.100 verschiedenen Seiten bleiben! Heute erscheint der Literatur Kalender unter dem bisherigen Label edition momente und Titel »Der Literatur Kalender« im Athesia Kalenderverlag.


Im Jahre 2016 erschienen Raabes verlegerische Erinnerungen unter dem Titel »Eine Arche ist eine Arche ist eine Arche«, ein Rückblick auf die Zeit des Liebens und des Leidens der Arbeit, des Handwerks als Verlegerin. Eine Zeit, die sich zum heutigen business des publishing sehr unterschied, nicht nur wegen der anderen, nicht zufällig amerikanisierten Bezeichnungen. Der Kampf um das gedruckte Buch, um das sorgsame Edieren, um die noch von wirklichen Menschen, nicht von immer mehr KI-gesteuerten Atavaren verfassten Texten. Auch vor dem Hintergrund der zahlreichen Abgänge von Buchhandlungen landauf, landab, manche nach langen Jahrzehnten oder noch längeren Existenzen.


Petrarca zu Ehren


Nun hat die nimmermüde Literaturliebhaberin ein kleines, apartes vierzig Seiten umfassendes Booklet verfasst, als vornehmen Privatdruck, wie immer auch dieses literarische Werkstück wieder in der unverwechselbaren Ausstattung durch den Frankfurter Grafiker und Buchgestalter Max Bartholl. Nicht nur das, er hat dem Bändchen auch sieben von ihm geschaffenen farbigen Collagen hinzugefügt. Der ganze Druck widmet sich Francesco Petrarca (* 20. Juli 1304 in Arezzo; † 19. Juli 1374 in Arquà), dem italienischen Dichter und Geschichtsschreiber, der als Mitbegründer des Renaissance-Humanismus und zusammen mit Dante Alighieri und Boccaccio als einer der wichtigsten Vertreter der frühen italienischen Literatur gilt.



Petrarcars Leben und seine bedeutsame Rolle als Dichter und Philosoph an der Schwelle zur Neuzeit - zwischen dem späten Mittelalter und der Renaissance - hat Elisabeth Raabe schon lange in ihren Bann gezogen. Einen letzten Anstoß, darüber zu schreiben, hat sie eine Reise vor guten zehn Jahren bestärkt, wie sie im Postskriptum des Drucks erwähnt, nämlich an den Ort, an dem Petrarca von 1337 bis 1353 lebte. Nicht weit vom Ufer der großen Karstquelle des kleinen, nur 30 km langen Flusses der Sorgue in der Provence, der Fontaine-de-Vaucluse, bewohnte Petrarca eine eher bescheidene Kate. Er hielt sich dort nicht ununterbrochen auf, aber nutzte den Ort im Laufe dieser rund 16 Jahre immer wieder für längere Arbeitsphasen und kehrte zwischendurch auf seinen vielen und weiten Reisen – wohlgemerkt immer im Sattel von Pferden - dorthin zurück. Heute ist an der Stelle ein Museum eingerichtet, das Musée-Bibliothèque François Pétrarque.


Raabe schildert ihren Besuch weiter: »Ich fand mich für einen Augenblick allein im Gärtchen hinter dem Museum wieder und blickte in der Nachmittagssonne auf das durchsichtige Wasser der Sorgue. Plötzlich fiel mich eine fast unwirkliche, magische Ruhe an - das war der Augenblick, in dem ich mehr über Francesco Petrarca und sein Leben in der Vaucluse wissen wollte.«


So war das Projekt geboren.


Ein langer Prozess


Es dauerte schon noch einige Jahre, bis es Gestalt annehmen konnte, zwischen der Abwicklung des Verlages, dem Verkauf des unter Denkmalschutz stehenden Verlags- und Wohnhauses im Hamburger Stadtteil St. Georg, dann der gewaltige Umzug mit Hausstand und Verlagsarchiv nach Zürich. So blieb keine ruhige Zeit zum Studieren des Werkes und des Lebens des vor guten 700 Jahren geborenen Dichters. Erst recht nicht zum Schreiben. Das alles kehrte dann Stück für Stück in der neuen Wohnung ein, auch als der alte Schreibtisch und alle Regale ihren Platz gefunden hatten.


Der gesamte Text gliedert sich in zehn kurze Kapitel, die jeweils mit ins Deutsche übersetzten Petrarca-Zitaten und Raabes Ergebnissen ihrer Quellensuche abwechseln. Oder die Petrarca-Textstellen tauchen inmitten von Raabes Texten auf. Sie sind durchgängig gesetzt; Bartholl hat die Passagen, deren Urheber der Dichter ist, in grau reproduziert, und Raabes Worte in pechschwarzen Lettern. Eine anregende und ästhetisch reizvolle Idee. Alles in der ausgeglichenen Schriftart der Garamond, die auch schon vor langen Jahren, seit dem 16. Jahrhundert existiert und die von einem gewissen Claude Garamond in Paris entwickelt wurde.


Die Kapitel - auch die variierend in ihrer Druckstärke zwischen Grau und Schwarz - sind jeweils in Versalien gestaltet und sie nennen sich: DER TRAUM | DER SUCHENDE | IN DER VAUCLUSE | DAS HAUS | LESEN, DENKEN, DICHTEN | DIE FREUNDE | DIE BRIEFE | ITALIA MIA | ABSCHIEDE | »NIRGENDS SONST...«



Petrarca kennenlernen


Raabes biografische Skizze nähert sich dem Leben und Wirken des italienischen Dichters und Philosophen Francesco Petrarca in einer short version. Im Zentrum steht seine tiefe Verbundenheit zur Quelle der Sorgue in der Vaucluse in der Provence, die als landschaftlicher Katalysator für sein literarisches Schaffen und seine philosophische Neuorientierung diente. Im Text bettet die Autorin Petrarcas Lebensweg geschickt in das unruhige Spätmittelalter ein. Er spannt den Bogen von seiner Jugend zu Beginn des XIV. Jahrhundert im Exil seiner Familie in Capentras, damals wie heute eine Kleinstadt in der Provence, über die lebendige bis laute Papststadt Avignon bis hin zu seiner selbstgewählten Einsamkeit in seinem Haus der Fontaine-de-Vaucluse.


Besonders gelungen ist Raabe die Verknüpfung historischer Fakten mit Petrarcas eigenen Briefen und Gedichten. Zitate aus den Familiaria oder dem Canzoniere machen das Seelenleben des Gelehrten greifbar. Seine Sehnsucht nach Laura, die in seinem Canzoniere besungene Muse und platonische Geliebte, seine geradezu als Büchersucht zu bezeichnende Liebe zu Büchern und das dichte Netzwerk intellektueller Freundschaften werden lebendig geschildert.


Ein stilistischer Höhepunkt ist die Darstellung der berühmten Besteigung des Mont Ventoux im Jahr 1336, gute 50 Fußkilometer von Fountain-de-Vaucluse entfernt. Er wird auch Le Géant de Provence (Riese der Provence) genannt. Der Berg galt bereits den Kelten als heiliger Kultplatz. Später errichteten die Römer auf dem Gipfel einen Tempel für den Gott Apollo. Heute spielt er mit seiner Höhe von fast 2.000 Metern eine wichtige Rolle auf der Tour de France, der Aufstieg gilt als einer der schwersten der Tour.


Diese Ersteigung von Petrarca wird nicht nur als womöglich sportliche Leistung, sondern als epochaler Wendepunkt in seinem Leben interpretiert: die Entdeckung der Landschaft und der Beginn einer horizontalen, weltzugewandten Denkweise, die den Renaissance-Humanismus einläutete.


Der Text bricht das historische Narrativ an einer Stelle überraschend durch eine persönliche Anekdote der Autorin auf. Die Erinnerung an ihren vom Krieg gezeichneten Geografielehrer im Oldenburg der 1950er-Jahre, der den Schülerinnen die Freiheit des Denkens anhand des Mont Ventoux näherbrachte, verleiht dem Essay eine fast berührende, zeitlose Relevanz.


Der Text ist - wie schon bemerkt - und bleibt kurz, sie wirft aber zentrale Schlaglichter auf die Biografie Petrarcas und deren Zusammenhang zu seiner Liebe zur Fountain-de-Vaucluse. Beginnend schon mit dem Besuch der Quelle als Knabe von neun Jahren. Er hatte es selbst beschrieben und Raabe lässt ihn selbst sprechen:


»Du weisst, …. dass einmal mein Vater und Dein Onkel nach Capentras, der kleinen Stadt, kamen und wie Dein Onkel ... Lust bekam, jene berühmte Quelle der Sorgue zu sehen. Kaum dass wir dies hörten, wurden wir kleinen Jungen vom selben Wunsch ergriffen. Und da es nicht ganz sicher er­schien, wenn wir selbst ritten, wurden uns Diener zugeteilt, die die Pferde lenkten und uns im Rücken stützten ... Als wir zur Quelle kamen ... erfasste mich die einzigartige Schönheit des Ortes, und ich sagte zu mir: ‚Das ist ein Ort nach meinem Sinn, den ich, wenn es mir einmal möglich sein wird, den grossen Städten vorziehen werde!‘«


Das Werk schildert in seiner Kürze das lesenswerte Porträt eines zerrissenen, geradezu modernen Menschen seiner Zeit. So kann man über diese sorgsam komponierte »Etüde« vieles über die Gestalt und die Person von Petrarca erfahren, damit von einem spannenden Menschen, von dem man gerne mehr erfahren möchte.


Warum nimmt sich Elisabeth Raabe nicht die Zeit in ihrem neuen Schweizer Domizil und erzählt uns mehr über diese interessante Persönlichkeit seiner Zeit. Ganz entfernt von einem akademischen Ansatz. Dazu eine Auswahl seiner »wunderschönen Briefe« (Originalton Elisabeth Raabe). Ihre angenehm persönliche Art zu erzählen käme ihren Lesern und Leserinnen sehr entgegen. Und einen Verlag wäre dafür doch auch zu gewinnen. Ganz sicher. Wie wäre es denn mit dem Verlag Klaus Wagenbach oder dem Carl Hanser Verlag, der Gedichte von Petrarca in der Übersetzung von Oskar Pastior im Programm hält. Dort erschien auch die große Biografie Petrarcas (1998) von Karlheinz Stierle


Der Anfang steht ja schon.

Petrarca in seinem Garten


Wie sah es wohl aus, wenn Petrarca in seinem Garten in Fontaine-de-Vaucluse saß und eines seiner Gedichte schrieb? Es gibt von ihm kein authentisches Porträt, das ihn zu seinen Lebzeiten abbildet. Zeitnahe Bildnisse schon, aber kein absolut sicher echtes, nach dem Leben gemaltes Porträt. Alle existierenden sind eher idealisierende Abbilder. So habe ich mir das Vergnügen gemacht und meinen KI-Helfer gebeten, sich etwas auszudenken. Ich glaube, es ist ihm etwas gelungen, das Petrarca gefallen haben könnte, und ich denke, Elisabeth Raabe auch. Immerhin hat der virtuelle Gehilfe ihm auch eine Karaffe mit Rotwein auf seinem Pult gegönnt, darum hatte ich ihn aber ausdrücklich gebeten.




The Fountain of Vancluse · Ölgemälde auf Leinwand aus dem Jahr 1841 des britisch-amerikanischen Malers Thomas Cole (1801 - 1848) · Foto: Wikipedia
The Fountain of Vancluse · Ölgemälde auf Leinwand aus dem Jahr 1841 des britisch-amerikanischen Malers Thomas Cole (1801 - 1848) · Foto: Wikipedia

Weblinks:

  • Musée-Bibliothèque François Pétrarque: Link

  • Über die Sorgue: Link

  • Mehr über Elisabeth Raabe: Link

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: guenter.rodewald[at]mercadodelibros.info

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