Vom Vater träumen
- Guenter G. Rodewald

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Aktualisiert: vor 3 Tagen

31. Juli 2026 · Vor einigen Tagen hatte ich einen wundersamen Traum: ich träumte, dass am Tag der diesjährigen Bremer Literaturnacht Bremen liest!, die am 4. September in 18 Buchhandlungen, zwei Bibliotheken und einem Verlag in Bremen und Bremerhaven stattfinden wird, darunter auch eine Lesung im Buchladen Ostertor. Also in der Buchhandlung, in deren Kollektiv ich von 1978 bis 1985 dazugehören durfte. In diesem Traum stellte kein anderer als mein eigener Vater Wilhelm Rodewald ein Buch vor, dessen Autor er war und das den schlichten Titel »Meine Buchhandlung · Erinnerungen eines Bremer Buchhändlers« trug. Allerdings erschien mir in meinem Traum der Ostertorbuchladen in einer Ausstattung und in einem Ambiente im Stil eher der 60er Jahre.
In der Runde zwischen den Besuchern der Lesung saß ich meinem Vater gegenüber. Zu der Geschichte muss man wissen, dass er den Beruf des Buchhändlers von 1930 bis 1933 in der Bremer Buch- und Kunsthandlung Franz Leuwer (gegründet 1903 bis zu ihrer traurigen Schließung 2022) in der Obernstraße erlernt hatte, aber bald danach und mit nur 22 Jahren seine eigene Buchhandlung in der Bremer Bahnhofstraße eröffnete, unseligerweise mit einem stramm nationalsozialistisch geprägten Sortiment; sie hieß seiner damaligen Gesinnung gemäß »Nordische Buchhandlung«.
Ich habe nie mit ihm über diese zwölf Jahre geredet, es heute sicher durchaus könnte, es wäre mir ein dringendes Bedürfnis und bedeutete eine Erlösung von dieser Last, für jeden von uns zwei beiden. Dass es zu Lebzeiten meines Vaters nicht geschah, lag sicher einerseits daran, dass seitens der Eltern nicht von selbst davon gesprochen wurde - ausser in 'harmlosen' Familienanekdoren und ähnlichem, und als mein Vater mit schon 65 Jahren starb und sich zu dem Zeitpunkt mein eigenes Leben vor allem um mich selbst drehte, damit der Bezug und die Verkettung meiner Eltern zu diesen Jahren keine Wichtigkeit hatte, obwohl ich mich politisch doch gerade in dieser Zeit stark sozialisierte. Dafür habe ich bis heute keine schlüssige Erklärung.
Gut war und drückte seine Zuneigung zu mir aus, dass mein Vater mit großer Güte - zusammen mit unserer Mutter – nahezu erleichtert auf mein Coming-Out in der Lage war zu reagieren. Nur wenige Monate vor seinem Tod geschah das. Diesem deutlichen Verständnis zu dem mir endlich möglich gewordenen Schritts in die Öffentlichkeit, mein coming out of the closet hat meine gute Beziehung zu meinem Vater endgültig manifestiert. Trotz seiner braunen Vergangenheit.

Nach seiner Entnazifizierung konnte er Anfang der 50er Jahre wieder eine Buchhandlung führen, die dann seinen Namen tragen durfte. Sie befand sich sehr zentral in Bremens Innenstadt, in der Pelzerstrasse 4, die er bis zu seinem Tode im Jahre 1978, die letzten Jahre zusammen mit meinem zweitältesten Bruder, führen durfte. Im gleichen Jahr 1968 wollte er sich nur noch mit seiner Liebe zu den antiquarischen Büchern abgeben, in der Hochetage des Hauses nº 12 (?) im Bremer Schüsselkorb. dazu kam es dann nicht mehr.

Er hatte den Beruf des Buchhändlers im Blut, ein im besten Sinne sehr tradionell arbeitender Repräsentant seines Handwerks, in deren Mittelpunkt die intensive Pflege seiner Kundschaft stand. Er hat viele Buchhändlerinnen ausgebildet, unter ihnen neben anderen die grosse Bettina Wassmann (1942 – 2024) mit ihrer legendären Buchhandlung Am Wall 184. Aber auch zwei Buchhändler, einer davon Hermann Figge, 1982 Gründer der Albatros Buchhandlung im Fedelhören, die heute in den Händen von Michael Hockel liegt.
Ebenso war mein Vater ein Antiquar von breitem Wissen und überregionaler Bedeutung. Auch konnte er seine verlegerischen Ambitionen ausleben, durch seine Freundschaft zu dem Bremer Verleger Friedrich Röver.
Am Ende tritt auf: El diablo de los sueños
Ich habe in dem Traum meinen Vater wohl bislang noch nie so leibhaftig nach seinem Tod wiedersehen können. Er hat in der Buchpräsentation sehr frei über sein Leben als Buchhändler reden und manches erklären können, was seine Vergangenheit betraf, die ihn so dermaßen in die Irre führen konnte. Man konnte ihm Fragen stellen, auf die er sehr entspannt und klare Antworten gab. Zumindest nehme ich dieses Gefühl aus dem erlebten Traum mit, denn hier setzt der Traumteufel mit seinem Handwerk ein: es ist ihm gelungen, die persönlichen und freimütigen Schilderungen des Lebens meines Vaters aus dem Traum mit hinaus bis zu meinem Aufwachen hinauszunehmen. Wiederum erinnere ich mich gut, dass wir nach der Lesung noch lange beisammensaßen und miteinander redeten.
Ein unvergesslicher, versöhnlicher Traum wird es bleiben, dazu so präsent, dass man versucht ist, an höhere Kräfte zu glauben. Nun ja, wer weiß…
Das tut gut. Sehr gut sogar.
Postscriptum I: Die Traumszene im Buchladen habe ich versucht mit KI-Techniken nachzustellen. Sie entspricht verblüffend den Bildern, die ich aus dem Traum in die Wirklichkeit habe mitnehmen können.
Postscriptum II: Statt der Buchpräsentation des erträumten Buches wird an dem erwähnten Freitag, den 4. September im Buchladen Ostertor die Lesung mit Anna Leinen und ihrem Buch »Verfolgen und verfolgt werden · Die Gestapo in Bremen 1933-1945« (Edition Falkenberg) stattfinden. Passt ins Thema... >>> Link
Nachbemerkung: Das Verhalten des Bremer Buchhandels in den Zeiten der NS-Diktatur interessiert mich seit langem. Es stehen da im Raum die bereits 1933 erfolgte Enteignung - mit veranlasst durch den Norddeutschen Lloyd - der Witwe von Franz Leuwer, Rose 'Anni' Leuwer, die im Juli 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert wurde und dort im Februar 1942 verstarb.
Auch der Fall der jüdischen Familie Salomon gehört dazu. Sie betrieben in der früheren Kaiserstraße 14 (heute Bürgermeister-Smidt-Straße) in Bremen die »Bremer Buch- und Zeitschriftenzentrale«. Im Jahr 1935 wurde der Betrieb von den Nationalsozialisten »arisiert«. Albert Salomon starb 1937 vor Gram, seine Frau Ida nahm sich 1938 das Leben, und weitere Familienmitglieder wurden in Konzentrationslagern ermordet.
Ich würde es gerne angehen, mit Interessierten (von einigen weiß ich es: eine Buchhändlerin, einem Buchhändler und ein Literaturagent) und unter Leitung einer Historikerin oder eines Historikers – vielleicht mit Studenten im Bereich Public History der Universität Bremen. Mit dem Material, das in den Archiven des Staatsarchivs Bremen schlummert, oder auch dem, das mir zur Verfügung stünde. Auch die recht langen Jahre der Restauration und des Verschweigens nach dem Ende des Weltkriges im Mai 1945 gehörten zu diesem Komplex.
Reaktionen:
»Was für ein schöner Text, lieber Guenny!!« · W.G., Autor – Bremen/Köln
»Im Antiquariat deines Vaters in der Pelzerstraße habe ich um 1975 meine schöne zweibändige Werkausgabe von Friedrich Rückert erworben. Nun ist sie auch schon wieder 50 Jahre älter, erfreut sich aber ‚bester Gesundheit‘.« · M.St., Sozialwissenschaftler, Bremen
»In der Tat wäre es ein spannendes Thema, auch ein längst überfälliges, die Rolle der Bremer Buchhändler in den Jahren 33 - 45 (und auch in den Jahren danach) zu dokumentieren. Es betraf ja nicht nur Ihren Vater, sondern der gesamte Bremer Buchhandel hat geschwiegen, als Anni Leuwer gleich in ’33 enteignet wurde, eben weil sie Jüdin war, keine drei Minuten, nachdem Hittler an die Macht gekommen war. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, sicher eine angemessene, das neu im Bremer Kontorhaus entstehende Literaturhaus nach Anni Leuwer zu benennen..« R.A.St., Buchhändler, Bremen
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