Die »Gestapo« · mitten in der Stadt

Aktualisiert: vor 3 Tagen

6. September 2026 · Seit 2016, damit nun schon zum neunten Mal veranstaltet und gönnt sich das Text- und Verlagskontor Wellenschlag zusammen mit dem Literaturhaus Bremen und mit den unabhängigen Buchhandlungen, Verlage und städtischen Bibliotheken in Bremen und Bremerhaven das eintägige Literatur-Festival Bremen liest!. In diesem Jahr wurden am vergangenen Freitag wieder den ganzen Tag an 20 Orten Bücher vorgestellt, aus ihnen vorgelesen, über sie diskutiert und hoffentlich auch viele verkauft.
Es sind nicht wenige Besucher, die versuchen, mehrere Veranstaltungen zu besuchen, ich habe mich in diesem Jahr auf einen Abend festgelegt, der mich aus zwei Gründen angelockt hat. Ich habe mir die Lesung in Buchladen Ostertor ausgesucht, wo die Bremer Historikerin Anna Leinen ihre 248 Seiten starke und mit 22 Abbildungen ausgestattete Studie »Verfolgen und verfolgt werden. Die Gestapo in Bremen 1933–1945« vorstellt, die bereits in der 2. Auflage im Falkenberg Verlag als Veröffentlichung des Staatsarchivs der Freien Hansestadt Bremen erschienen ist.

Die Lesung
Der Laden war tatsächlich bis auf den letzten voll geworden und alle Altersgruppen waren gekommen. Das Thema scheint also allgemein auf umfangreiches Interesse zu stoßen. Anna Leinen las drei Stellen aus ihrem Buch vor, eine über die personelle Zusammensetzung und Struktur der Verfolgungsbehörde, über das Schicksal des Bäckermeisters Berthold Gröger (1877-1958), dessen Wiener Bäckerei am Ostertorsteinweg 77 (heute: Starke Bäcker), die im Zuge des Novemberpogroms 1938 'arisiert' wurde. Glücklicherweise gelang es ihm, mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in die USA emigrieren. Im dritten Abschnitt las Leinen über die Zeit nach 1945, damit über das Ausmaß, wie und ob die vormaligen Gestapo-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen zur Rechenschaft oder nur sehr milde oder eben gar nicht gezogen wurden.

Es war eine gute Idee, dass Johanna Hoeck als Mitglied des Buchladen-Teams als Moderatorin den Abend gestaltete, mit großer Klarheit und in sehr angenehmem Ton hat sie das mit großer Gelassenheit gemeistert. Nach der Lesung standen noch viele Gäste zusammen und diskutierten.
Zweierlei Interessen
Zweierlei – beides persönliche – Aufmerksamkeiten haben mich diese Lesung auswählen lassen. Das erste Motiv: Der Buchladen selbst lockt mich immer wieder ins »Viertel«, in dem ich selbst - bisweilen wilde - 15 Jahre gelebt habe, und eben auch in - trotz des dorthin lang gewordenen Weges aus Vegesack - in diesen Buchladen. Denn in ihm durfte ich schließlich in seinen ganz frühen Gründerzeiten von 1978 bis 1985 im Kollektiv der Gründer mitarbeiten, ohne Zweifel mit die wichtigsten Jahre meines Curriculums. Ich habe darüber habe schon öfter in diesem Blog geschrieben. Heute zeigt sich der Laden in neuem Gewand, der aber weiter in bester buchhändlerischer und engagierter Manier von Alena Glandien und Marlene Schmidt und ihrem Team bespielt wird. Sogar inzwischen zusätzlich mit ihrem akademischen Beiboot auf dem Gelände der Universität Bremen, und ihrer Dependance, dem BO Campus. Im kommenden Jahr werden sie das 50-jährige Bestehen des Ladens feiern können!
Als zweites Motiv meines Besuches im Fehrfeld 60 hat mich natürlich das Buch von Anna Leinen selbst gelockt. Ich hatte schon viel darüber gelesen, denn sie hatte es im Rahmen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im März 2026 im Bremer Haus der Wissenschaft und ein paar Tage später in der offiziellen Premiere im Staatsarchiv Bremen im April dieses Jahres präsentiert, jeweils vor zahlreichem Publikum. Aufmerksamkeit hat es aus zwei Gründen erregt. Einmal weil es die allererste umfassende Untersuchung ist, die die Rolle und Geschichte, ihres Personals dieses zentralen, äußerst einflussreichen und brutal agierenden Organs der Unterdrückung durch das NS-Regime zum Thema genommen hat.
Für mich hat das Bedürfnis nach Aufklärung der Geschehnisse dieser Jahre einen starken familiären Hintergrund, der mit meinem Vater zusammenhängt, der als sehr junger Mann 1931 NSDAP-Mitglied wurde und 1933 der SA beitrat. Im gleichen Jahr trat er eine Stelle als Verantwortlicher der Buchabteilung der Firma Brauner Laden Wirtz & Co. G.m.b.H. Bremen in der Bremer Bahnhofstraße 1 an. Die sogenannten 'Braunen Läden' waren offizielle Handwerks- und Wirtschaftsbetriebe, die NS-Bedarf, Parteiuniformen (wie die der SA), Propagandamaterial der NSDAP und nationalsozialistische Literatur vertrieben.
Diese Buchabteilung ging dann ein Jahr später, 1934, in die Hände meines Vaters über, die sich von da an bis 1945, bis zum Ende des 'Dritten Reichs' Nordische Buchhandlung Wilh. Rodewald nannte. Ich habe leider zu seinen Lebzeiten nicht mit ihm darüber reden können, nicht weil er es abgelehnt oder sich geweigert hätte, sondern weil ich ihn selbst nie darauf angesprochen habe. Ich bin mir absolut sicher, wenn ich das getan hätte, wäre er mir nicht ausgewichen.
Abgesehen von dieser persönlichen Verbindung zu den erwähnten Jahren, wäre sicher auch eine generelle und akademische Untersuchung über das Verhalten einer grundsätzlich und historisch kulturell bis liberal ausgerichteten Handelsgilde wie die des Bremer Buchhandels und ihrer Mitläuferschaft zu begrüßen. Eine Anregung an das Staatsarchiv Bremen, die Universität Bremen und den Börsenverein des Deutschen Buchhandels. *)
Siehe auch den Weblink unter diesem Artikel, der sich auf die Verfolgung der damaligen Inhaberin der Buch- und Kunsthandlung Franz Leuwer, der Jüdin Johanna 'Anni' Leuwer (*1872 in Bremen † 1943 KZ-Theresienstadt).
Bremer Geschichte in jungen Händen
Man möge mir diesen langen Exkurs in meine familiäre Verquickung verzeihen, aber sie beschäftigt mich in nicht nachlassender Intensität. So freue ich mich sehr, bin beeindruckt und werte es als gutes Zeichen, dass sich eine junge Historikerin wie Anna Leinen (* 1997) sich dieses schwerwiegenden Themas um die Verflechtung einer Organisation wie der 'Gestapo' mit dem Alltagsleben der Stadt mit so tiefgehendem Engagement und höchster Professionalität angenommen hat.
Obendrein gelingt es Leinen dabei, dass man ihr Buch mit echter Spannung liest. Gerade wenn man in Bremen lebt oder die Stadt kennt, bekommt es eine zusätzliche ominöse Wirkung, wenn man an den Orten des Horrors vorbeiläuft, sei es u.a. das Polizeihaus Bremen Am Wall (heute Sitz der Stadtbibliothek Bremen), das Haus der Gestapo selbst, genau daneben, verbunden mit einer 'Seufzerbrücke' heute u.a. Sitz des Honorarkonsulats der Demokratischen Sozialistischen Republik Sri Lanka oder das Foltergefängnis im heutigen Wilhelm-Wagenfeld-Haus, das man auch besuchen kann.

Starke Eindrücke, die auch die Autorin bei ihrer Arbeit begleitet haben, wie sie in einem TV-Interview mit Radio Bremen vom 26. April 2026 formuliert: »Alles Orte mitten in der Stadt. Immer wieder gerade die Straßennamen zu sehen, die Straßen, wo ich jeden Tag durchgehe, dass das hier in unserer Stadt stattgefunden hat, das war immer wieder ziemlich eindrücklich.«

Was macht das Buch von Anna Leinen so wichtig?
Die Gestapo gilt als Inbegriff des NS-Terrors. Doch wie funktionierte die Geheimpolizei abseits der Berliner Zentrale? Für Bremen gab es dazu lange Zeit eine echte Forschungslücke. Anna Leinen schließt diese mit ihrem Buch Verfolgen und verfolgt werden – und wählt dafür einen spannenden Ansatz: Sie seziert das konkrete Personal der Bremer Dienststelle (261 Männer, 96 Frauen).

Statt einer abstrakten Terror-Maschine zeigt das Buch Täter mit Gesicht und Karriere. Da ist der sadistische Schläger, aber auch der vermeintlich „normale“ Beamte wie ein Heinrich Herlein, der Geständnisse durch eine fast freundliche Gesprächsführung erzwang, wie Leinen schreibt.
Besonders drastisch wird deutlich, wie tief die Gestapo in der Bremer Stadtgesellschaft verankert war. Die Beamten sammelten Spenden oder feierten Sportfeste; getragen wurde ihr Erfolg von einem dichten Netz freiwilliger Denunzianten aus der Nachbarschaft.
Gleichzeitig gibt Leinen den Opfern – von politischen Gegnern bis zu jüdischen Bremer Mitbürgern – ihre Stimme zurück und verortet das Leid konkret in der Stadt, etwa bei den Folterkellern am Wall oder den Deportationen in die Konzentrationslager über den Lloyd-Bahnhof. Eine wissenschaftlich fundierte, aber erzählerisch dichte Regionalgeschichte, die durch den lokalen Bezug eine enorme Wucht entfaltet.
Ein wichtiger Anhang

Zudem findet sich ein imposant umfangreiches und detailliertes Quellen- und Literaturverzeichnis, das sich über dreißig Seiten am Ende des Buches erstreckt. Es zeugt von der intensiven Forschungsarbeit der Autorin und bildet einen beeindruckenden Fundus für weiterführende Recherchen durch diese dunklen Jahre Bremer und deutscher Geschichte, in der gibt es noch reichliche Lücken und Notwendigkeiten zu ermitteln und zu erforschen. Gut ist und zu hoffen bleibt, dass der Stadt dafür die Universität Bremen, deren Dozenten und Studierende, und das Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen weiter und ohne Einschränkungen auch in in Zukunft zur Seite stehen.
Der redaktionelle Teil des Buches schließt resümierend mit den sehr deutlichen Worten der Autorin: »Handelte man als Gestapo-Mitglied nun aus Überzeugung, aus Pflichterfüllung oder auf Basis einer Dienstverpflichtung – das Ergebnis blieb das Gleiche: Man war Teil des Verfolgungsapparates und trug seinen Teil dazu bei, dass das Terrorsystem funktionieren konnte.«
Diese Analyse ist ohne Zweifel auch auf alle weiteren Teile der Menschen, Organisationen und Wirtschaftsbetriebe applizierbar, die durch ihre Aktivitäten oder ihr Stillschweigen, durch ihr Mitläufertum, durch Denunziationen und ideologische Unterstützung ein System wie das des Nazi-Regimes überhaupt erst möglich gemacht haben.
Anna Leinen hat ein überaus wichtiges und ohne Zweifel zentrales Werk über die Hintergründe dieser schrecklichen Zeit geschrieben, die sich niemals wiederholen darf.


*) Einige Fakten zum
Bremer Buchhandel 1933-45: Link
Weblinks:
Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: guenter.rodewald[at]mercadodelibros.info




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