Thies' Wasserspiele
- Guenter G. Rodewald

- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 4 Tagen

20. August 2026 · Wasserspiele, die meinte ich vermeintlich auf den ersten Blick im Titel des neuen Buches von Klaus Johannes Thies gelesen zu haben, das richtig aber tituliert »Die Wasserwerke von Venedig · Beobachtungen bei laufendem Betrieb« heisst, erschienen vor wenigen Tagen im Bielefelder Aisthesis Verlag, der vor einem halben Jahr schon das »Lesebuch Klaus Johannes Thies« vorgelegt hatten. Wasserspiele würde aber durchaus ins Bild passen, denn das ganze Buch mit seinen 138 Seiten spielt in einer Stadt, die inmitten von Wasser gebaut wurde und deren Fundamente auf auf Millionen dichter Holzpfähle fussen. Die Rede ist von Venedig.
Der Verlag hat den Band in seine Reihe argonautenpresse eingestellt. Die »Wasserwerke« haben dort ihren perfekten Platz. Denn die Sage der griechischen Mythologie um die Helden um ihren Anführer Jason, die auf dem Schiff Argo auszogen - eben darum werden sie die Argonauten genannt - um das Goldene Vlies zu suchen. Bei diesem handelt es sich um das magische Fell eines geflügelten goldenen Widders. Es symbolisierte Macht, Reichtum, göttlichen Schutz und den rechtmäßigen Anspruch auf Herrschaft. In der antiken Sage scheiterte die Mission nicht im Sinne eines totalen Abbruchs, denn Iason erbeutete das Vlies (mit Hilfe von Medea) und kehrte nach vielen Abenteuern zurück.
Dass die antike Reise am Ende nach Venedig führte, ist ein Missverständnis, das sich eingeschlichen hat. Die antiken Helden gelangten nie dorthin, denn Venedig existierte damals noch gar nicht. Die Verbindung nach Venedig stammt stattdessen aus einem modernen Experiment aus dem Jahr 2008, bei dem griechische Forscher und Freiwillige in einem originalgetreuen Nachbau des antiken Schiffs Argo das Mittelmeer befuhren und ihre historische Testfahrt demonstrativ in Venedig beendeten.
Thies reist aus der Luft an
Der Autor begibt sich ebenso auf die Reise nach Venedig, aber mit anderem Auftrag und in modernere Zeiten, auch allein, nicht mit einer Ruderschaft auf einem Nachbau, sondern via dem IC von Bremen nach Hamburg-Fuhlsbüttel mit seinem Rollkoffer, 24 kg, und mit einer Maschine der Alitalia, vermute ich, denn es gab diese staatliche Luftlinie im Jahr der Reise, 2018, noch, in die Lagunenstadt, wie der Tourismus diese Statdwunder nennt. So beginnen die »Wasserwerke«. Aber nicht irgendwelchen Sagen der griechischen Mythologie will er dort nachforschen, sondern ein dreimonatiges Arbeitsstipendium hat ihn dorthin verschlagen, in das Centro Tedesco di Studi Veneziani das der Palazzo Barbarigo della Terrazza direkt am Canal Grande beherbergt.

Wenn Thies nun dachte oder sich erträumte, das er das Vierteljahr in einer womöglich luxuriösen barock gestaltete Zimmerflucht im Palazzo residieren würde, wurde sofort auf sein Stipendiatenstatus degradiert und musste sich mit einem dunklen Gelass im Keller des Palastes begnügen, eine Mitstipendiatin, dazu aus Österreich, was Thies mit fast hörbarem Zorn und Missvergnügen hinzusetzt, war ihm zuvorkommen. Er hat doch auch recht. Ein mit damals gestandenem Alter von 68 Jahren hätte höheren Respekt verdient.
Er schreibt:

»Ich muss in den Keller. Da stehe ich. Es ist dunkel, obwohl schon gleich Mittag. Ein Bett und ein Schreibtisch, auf dem eindeutig zu viel geschrieben worden ist. Eine Lampe, aber zwei große Schränke, etwas überbesetzt. Hier werde ich also wohnen in trauter Gemeinschaft mit einem Geruch, der an Gullys erinnert. Ich atme zwei Mal nacheinander kurz ein. Schnappatmung immerhin ist möglich, bei geschlossener Nase nur etwas schwierig.«
Und weiter:
»Ich denke an mein Badezimmer, das immerhin groß und grün ist. 'Non gettare gli assorbenti nel water' steht sehr groß und übersichtlich auf einem Schild, was mir europäisches Kauderwelsch zu sein scheint, aber klein steht darunter, wer das geschrieben hat: 'Servizi idrici di Venezi', was nur die Wasserwerke von Venedig heißen kann.«
Damit bekommen wir nun auch den Zusammenhang des Untertitels der Publikation in den Griff. Wenn wir nun aber befürchten müssten, Thies würde uns die drei langen Monate nur aus dieser Perspektive seine Betrachtungen kennenlernen, wird angenehm enttäuscht. Er taucht aus seiner Remise an die Oberfläche auf, auf das Wasser in den Kanälen, auf die traumhafte Terrasse »Palazzos« auf. Entdeckt die kleinen Gassen, die wunderbaren Restaurants, die Stadt des Nachts ohne die Horden der Touristen - 2018 noch in bescheideneren Grössenordnungen als heute, acht Jahre später. Aber auch damals schon schoben sich diese Kolosse von schiffbaren Plattenbauten durch die Canales.

Ein Klassiker
Ich sehe ihn vor mir, wie er in den Cafés der Stadt sitzt, aus allen möglichen geschützten Perspektiven Menschen beoachtend, aus immer mit dem Rücken zur Wand postierend in schusssicherer Position. Gerne und neugierig jede Gelegenheit nutzt, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, ohne Hemmungen akzeptierend, dass seine Itanienischkenntsnisse nicht perfekt sind. Aber an diesem Punkt sind die Italiener, ebenso wie die Spanier, die ich meinerseits kennenlernte durfte, eine viel grösserer Toleranz aufbringen, als das gemeinhin hierzulande oft genug nicht gerade die Norm ausmacht.
So ist Thies ein literarischer Reisebericht gelungen, in einer Tradition von Klassikern dieses Genres wie eines Georg Forster, eines Mark Twain, einer Annemarie Schwarzenbach, einer Erika und eines Klaus Mann, eines Bruce Chatwin oder eines Paul Theroux. Oder eines Zeitgenossen wie ein Ilija Trojanow.
Aufschlagen wo man will
Liebhaber der typischen Merkmale Thies' Schreibe kommen auch in den »Wasserwerken« auf ihre bewährten Kosten: man das Buch aufschlagen, wo mal will,man stösst sofort auf eine Stelle, die man umgehend beginnen kann zu lassen, ein paar Seiten vor und zurückblättern kann und da wieder einsteigt. So kann man die »Wasserwerke« im besten Sinne kreuz & quer lesen. Mir gefällt das sehr. Immer wieder.
Die Fotos

Thies hat aber nicht nur über das geschrieben, was er sah und beobachtete, sondern er hatte auch immer seine Kamera im Anschlag dabei. Seine hohe Beobachtungsgabe beweist er auch in diesem Medium. Darum begrüssenswert, dass der Verlag insgesamt um die 40 Fotos in die Ausgabe aufgenommen hat, leider nur als s/w Drucke, die dazu auch ihren Zoll an das stark saugende Papier zahlen müssen. Aber sie machen Lust, mehr davon zu sehen. Der Autor könnte ein Potpourri seiner Farbfotos in einem Bilderbogen auf seiner gut sortierten Homepage zeigen. Ihre Qualität, nicht einfach nur aus Ergänzung, vermehren den Wert dieses bemerkenswürdigen gekonnten Wurfs von Klaus Johannes Thies.
I colori: il blu, il giallo
Die Farben auf dem Cover fallen angenehm ins Auge; wie ich jetzt erfuhr, geschieht das nicht aus Zufall, sondern ihnen liegt eine bewusste Komposition des Lektors und sicher auch des Autors zugrunde. Das Blau (#055989) des Titels ist das sogenannte Venecian Blue und die Grundfarbe des Einbandes bildet das Gelb-Orange der Barkassen der Linea Arancio (f9c909) , die den ÖPNV der Lagunenstaat bestreitet, und die der Autor gleich auf Seite 9 des Buches erwähnt. So viel Gedanken seien auch in das Äußere eines Buches fließen, bis es in den Handel und in die Hände seiner Leser und Leserinnen gelangt.

Postskriptum
Ich habe mein Rezensionsexemplar, das mir Thies‘ Verlag zum Lesen zugeschickt hatte, dieser Tage einem jungen Mann geschenkt, denn er wird in wenigen Wochen mit seiner Abitursabschlussfahrt für eine Woche nach Venedig reisen. Ein neugieriger, intelligenter, dazu gut aussehender junger Mann, der mir hin und wieder auf der Terrasse einer meiner Kneipen an der Vegesacker Weserpromenade meine Cola ohne Zucker oder mein Hefeweizen serviert. Immer neugierig fragend - aber immer per ‚Sie‘, so sind die jungen Leute heute wohl - wie es mir geht und was ich so treibe. »Was macht ein Literatur Agent?« fragte er mich neulich interessiert - ich hatte ihm nach guter spanischer Manier meine Visitenkarte gegeben, auf der ich mit meinem geliebten früheren Beruf gerne angebe.
So aufgeweckt, wie er mir erscheint, glaube ich, das Buch wird auch ihm gefallen. Kann man sich einen besseren Reiseführer durch und in Venedig vorsstellen? Zumal der Umfang des Buches mit seinen 138 Seiten einem leichteren Lesevermögen heutiger jüngerer Generationen entgegenkommt, die unter Umständen längeren zusammenhängenden Texten avers gegenüber sozialisiert sein könnten. Das soll die Qualität der Texte von K.J. Thies in keinem Fall mindern. Im Gegenteil. So lange der Autor schreibt, zeichnen sich seine Texte durch ihre frische, ironischen, verschmitzten, und durchaus nachdenklichen Stücke als im besten literarischen Sinne als unterhaltsame Lektüre aus. Ich habe mich auch bei den »Wasserwerken« wieder und wieder beim Grinsen, Schmunzeln bis laut Lachen beobachten und hören können. Was verlang ein Autor mehr von seinem Leser?
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