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Auf den Spuren der Kindheit

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • vor 4 Tagen
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 18 Stunden

14. Juli 2026 · Was haben sie an sich, jene Kinderbücher, die man las, als man endlich voller Stolz selbst lesen konnte und nicht mehr darauf angewiesen war, dass jemand der Eltern oder einer der Brüder, auch die Schwester, einem vorlas, als man es selbst eben noch nicht beherrschte? Endlich war es möglich, die Fantasieerlebnisse, die die Bücher erzählten, ganz allein für sich zu durchleben, ich mit dem Buch, das Buch mit mir, wir beide ganz unter uns. Sicher können sich alle, die mit dem Lesen von Büchern groß wurden, an die Lektüren erinnern, die ihre ersten »literarischen« Meilensteine ausmachten, ohne dass sie aus älterer, gar heutiger Sicht als alter Mensch, irgendetwas mit wirklich literarischen Werten in Einklang zu bringen wären.


So fiel mir doch vor ein paar Tagen - ganz um die Ecke herum - mal wieder ein weiteres meiner viel geliebten Kinderbücher ein, ein ganz schlichtes Bändchen in der Reihe der »Wunder Bücher«, herausgebracht vom Carlsen Verlag, 1953 in Hamburg von einem gewissen Per Hjland Carlsen gegründet, berühmt und bis heute bekannt durch die »Pixi Bücher«, die auf der noch jungen Frankfurter Buchmesse von 1954 ihren Stapellauf erlebten.


Mein »Wunder Buch«, das mir halt wieder in den Kopf kam, ist jenes, das den Titel »Der ratternde, knatternde Schul-Autobus« trägt, von einer gewissen Fleur Conkling geschrieben und von einer Ruth Wood illustriert, 1950 in den USA, in der deutschen Ausgabe erschienen; der Originaltitel klingt noch schöner: »The Bingity-Bangity School Bus«. Verguckt hatte ich mich in einen der in der Geschichte namenlosen gebliebenen Schüler, er trug eine extrem originelle Mütze, eher ein Käppi, auf dem ein Propeller angebracht war. Das hatte es mir angetan. Es liegt nahe, dass hier die Ursache für meine Liebe zu bisweilen und bis heute ausgefallenen und auffälligen Kopfbedeckungen zu verorten ist.



Dieses Käppi war es neulich auch, das mich an dieses Buch erinnern ließ, als es im Zuge der Klimaveränderungen selbst Bremen einen neuen Hitzerekord von guten 37º erlebte. In einem Telefonat mit einer guten Freundin, in dem wir die verschiedenen Abwehrmethoden gegen solch hohen Temperaturgrade diskutierten, fiel sie mir wieder ein: die wunderbare Propellermütze meines Freundes aus dem ratternden, knatternden Schul-Autobus.


Nicht nur wegen seiner Mütze mochte ich den kleinen Blonden, er spielte, schien mir, eine besondere Rolle in der Klasse, die mit dem Bus zur Schule und wieder nach Hause chauffiert wurde. Im Text des Buches tauchte dazu nichts auf, also ließ ich meine Phantasie spielen, ich machte ihn einfach zum Helden des ganzen Buches und dachte mir immer wieder neue Geschichten mit und um ihn aus.


Stille, manchmal einsame Helden waren meine...


So auch jener Paul, der in dem dänischen Kinderbuchklassiker »Paul allein auf der Welt« von Jens Sigsgaard und den Bildern von Arne Ungermann durch einen Traum erleben muss, dass ein solcher leicht beginnt, aber eben so schnell zu einem Albtraum werden kann. Gut, dass da einen am Ende doch die Mutter in ihre sicheren Arme nehmen kann. Pauls Geschichte hatte ich schon vor einiger Zeit ausführlich hier in meinem Blog beschrieben (siehe Link).


Und dann gab es da noch meinen Freund Minnewitt, den ich durch »Minnewitt macht nicht mehr mit« von Peter Mattheus (1897 - 1953) und die Illustrationen von Fritz Eichenberg kennenlernte. Minnewitt lebt mit seinem Vater in einem Hotel. Als dieser Vater auf eine längere Geschäftsreise muss, schickt er seinen Sohn in ein strenges Internat. Minnewitt lebt sich zunächst gut ein und begeistert sich mit seinem Freund »Zwieback« für das Sammeln von Autokennzeichen. Um mitzuhalten, verlässt er heimlich und regelwidrig unter der Woche das Gelände.


Die Situation eskaliert durch einen Konflikt mit einem älteren Zimmergenossen. Als dessen Hausaufgabe mit Tinte beschmutzt wird, bezichtigt er Minnewitt der Tat und schneidet ihm zur Rache den Gummizug seiner Hose durch. Die fortlaufenden Drangsalierungen und die unerbittliche, strafende Härte des Internatssystems treiben den Jungen schließlich dazu, eben »nicht mehr mitzumachen« und zu fliehen.



Ich habe das Buch immer und immer wieder gelesen, das machen lesende Kinder gerne, ich empfand die Ungerechtigkeiten als verstörend, und so hatte ich große Sympathien für Minnewitt. Ich war auch richtiggehend verschossen in ihn, das erinnere ich mich sehr intensiv, und ich kann das im Nachhinein nicht anders analysieren als meine schon sehr frühe Neigung zu Jungen. Steile These? Nein, durchaus nicht. Die Wissenschaft betont, dass frühes emotionales Empfinden und romantische Anziehungskräfte meist zwischen der mittleren Kindheit und der frühen Adoleszenz entstehen. Dies geschieht völlig unabhängig von ersten sexuellen Erfahrungen. (Siehe hier: Link)


Und jetzt habe ich Minnewitt erneut gelesen, mit den Augen und längst geouteten Sinnen eines betagten queeren, schwulen Menschen, und ich kann mich gut erinnern an die Stellen des Buches, die mich als jungen Leser aufgeregt haben...


Kinderbücher in der NS-Zeit


So harmlos, wie sich das Buch von Minnewitt liest - es gab auch noch ein zweites mit dem Titel »Minnewitt und Knisterbusch in Australien«, das ich nicht mochte (mein Verdacht: Ich war eifersüchtig auf Knisterbusch...) - wurden die Bücher von Peter Mattheus ab 1940 auf den NS-Index gesetzt und waren seitdem verboten. Die Geschichten um Minnewitt zeichneten sich durch eine heitere, leicht ironische Schreibweise aus, die stark an Mark Twain erinnerte und seine Protagonisten waren selbstbewusste, tatkräftige Kinder, die sich in einer modernen Welt zurechtfanden. Dieser freigeistige und urbane Tonfall entsprach nicht dem nationalsozialistischen Ideal der gleichgeschalteten, wehrhaften Jugendliteratur.


Der weitere Vorwurf, der zum Verbot und zum Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer führte, waren dessen Verbindungen zu jüdischen Kollegen und Freunden. Dennoch waren die Bücher bis dato im Handel geblieben, obwohl die Illustrationen der Minnewitt-Bücher von Fritz Eichenberg (1901 - 1990) gezeichnet waren, einem jüdischen Künstler, der nach der Machtergreifung der Nazis mit seiner Frau, seiner Mutter und seinen Kindern in die USA emigrierte sich und sich in New York City niederließ.


Nach dem Krieg kamen die beiden Minnewitt-Bände beim Franz Schneider Verlag in Augsburg 1952, respektive 1992 neu heraus. Es versteht sich fast von selbst, dass damals weder von dem Publikationsverbot in der NS-Zeit noch die Emigration das Illustrators erwähnt wurden. So »weit« war man in jenen Jahren noch nicht, solche »Details« wurden gerne verschwiegen, unter der Decke versteckt oder man hielt es weder für nötig noch opportun.


Nesthäkchen in Auschwitz


Else Ury
Else Ury

Das geschah ebenso wenig mit den Büchern und der Autorin einer jahrzehntelangen sehr erfolgreichen Jungmädchen-Reihe, den ursprünglich zehn Bänden mit der Lebensgeschichte eines Mädchens aus bürgerlicher Familie mit Namen »Nesthäkchen«, die Autorin war Else Ury (1898 - 1942). Der erste Band der Serie »Nesthäkchen und ihre Puppen« erschien 1913, der letzte, zehnte »Nesthäkchen im weißen Haar« 1925


Nach dem 2. Weltkrieg erschien die Serie nur noch in neun Bänden, alle im Düsseldorfer Hoch Verlag zwischen 1952 und 1954, es fehlte dabei allerdings der ursprüngliche Band 4 »Nesthäkchen im Weltkrieg«, der erst 1922 erschien. Es ist das einzige Werk der Reihe, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland lange Zeit nicht mehr neu aufgelegt wurde, da die alliierten Kontrollbehörden es aufgrund seiner unkritischen, kriegsbejahenden Schilderungen auf die Zensurliste setzten. In der DDR waren bis ans Ende ihres Bestehens die Bücher von Else Ury ebenso offiziell verboten und wurden nicht verlegt. Die Erzählungen spiegelten das behütete Leben des gehobenen Berliner Großbürgertums der Kaiserzeit und der Weimarer Republik wider. Dies widersprach dem sozialistischen Ideal der Arbeiterklasse, wie die DDR-Kulturbehörden und deren Ideologie es sahen. 


Hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs der Frage der diesem Band zugrunde liegenden Werte genauer nachzugehen, erschien es opportun, 2014 eine längst überfällige Neuauflage im Geest-Verlag, Visbek, zu veröffentlichen, der ein ausführliches Vorwort von Marianne Brentzel vorangestellt ist, die sich wie keine andere Forscherin mit Leben und Werk von Else Ury auseinandergesetzt hat und 1992 deren Biografie unter dem Titel »Nesthäkchen kommt ins KZ« (Ed. Ebersbach, Zürich-Dortmund 2002) veröffentlichte, und die 2007 in überarbeiteter und ergänzter Form unter dem Titel »Mir kann doch nichts geschehen« neu aufgelegt wurde (ebersbach & simon, Berlin 2015).



Hitlers Machtergreifung 1933 wurde von vielen, auch von in ihrer politischen Anschauung gemäßigten Menschen durchaus begrüßt. Auch Else Ury zeigte in ihrem letzten, noch im gleichen Jahr veröffentlichten Roman »Jugend voraus!« sehr chauvinistische, den Sprachduktus der Nationalsozialisten adaptierende Töne und Inhalte. Doch sehr bald musste sie am eigenen Leib erfahren, wie sie sich geirrt und verrannt hatte. Denn im März 1935 wurde sie als Jüdin aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was gleichbedeutend mit einem Berufsverbot für sie bedeutete. Das Land zu verlassen kam für sie nicht mehr in Frage, sie musste ihre schwerkranke Mutter pflegen, die dadurch eben auch reiseunfährig war. Nachdem die Mutter im April 1940 gestorben war, hatte Else Ury in Berlin keine Angehörigen mehr; ihre übrigen Familienmitglieder befanden sich in London und Amsterdam.



Am 12. Januar 1943 wurde Else Ury unter der Nummer 638 nach Auschwitz deportiert. Von den 1000 Berliner Juden, die mit diesem Zug am kommenden Tag in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion  127 Männer als »arbeitsfähige« Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen; die übrigen 873 Zuginsassen, darunter Else Ury, wurden gar nicht mehr als Häftlinge registriert, sondern sofort nach Ankunft in der Gaskammer ermordet.


Kein Wort zu all dem


Meine drei Jahre ältere Schwester begann irgendwann, sich für das Nesthäkchen und die neun Nachkriegsbände zu begeistern, und ich bekam die Bände dann immer nach ihr zu lesen und verschlang sie mit ähnlich großer Leidenschaft. Solche Reihen haben nach wie vor einen verfüherischen Sog, heute haben eine ähnliche Anziehungskraft TV-Serien, oder wie man sie auch klassifiziert: Streaming-, Mini- oder Webserien, Daily Soaps oder Dramedies. Enttäuschung taucht auf, wenn sie auslaufen. Ich kann mich gut erinnern, dass ich richtiggehend erbost über die Schriftstellerin war (ich kannte dieses Wort früh, nicht umsonst war ich der Sohn eines Buchhändlers...), als ich bei Band 9 mit dem Titel »Nesthäkchen im weißen Haar« angelangt war.



Kein einziges Wort wurde erwähnt und keinerlei Hinweise fanden sich in diesen in den fünfziger Jahren publizierten Ausgaben, die auf die Verbote der Reihe in der NS-Zeit oder - noch viel schlimmer - auf die Ermordung der Autorin in einer der Gaskammern von Auschwitz-Birkenau hinwiesen. Die Ausrede, man habe doch nichts davon gewusst, ist in keiner Weite zulässig, es war aber die notorische. Denn natürlich musste man sich seitens des Hoch Verlages in Düsseldorf Anfang der 50er Jahre kundig gemacht haben, wer die Rechte an den Nesthäkchen-Bände innehatte.


Denn bekannt war durchaus, dass Else Ury noch im September 1942 mit Johanna Else Sara Ury ihr Testament unterschrieben und es beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hinterlegt hatte. Darin hatte sie als Alleinerben ihren Lieblingsneffen Ernst Klaus Heymann (1918 - 2017) eingesetzt, der 1938 nach England emigriert war.


Wieder Zitat von Marianne Brentzel: »Im wesentlichen vererbte sie Dinge, die längst ihrer Verfügungsgewalt entzogen, enteignet, geraubt und verboten worden waren, auch 'Honorare für Neuauflagen oder Übersetzungen meiner Bücher in andere Sprachen, soweit solche in Zukunft noch fällig werden'. Klaus Heymann kam mit der britischen Armee nach Deutschland und konnte 1946 sein Erbe antreten. Er musste von der Ausrottung seiner gesamten Familie erfahren. Seine Eltern, seine Schwester mit Mann und dem sechsjährigen Peter waren über das KZ Westerbork in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden.«


Eine erschöpfte Lokomotive


Ja, auch eine erschöpfte, urlaubsreife Lokomotive bildete eine meiner Leidenschaften, die ich im Kindesalter hatte. Es war die Geschichte von auf zwei Seiten einer mit 45 U/min abzuspielenden Single-Schallplatte, ihr Titel: »Lok 1414 geht auf Urlaub«, ein Hörspiel des österreichischen Autors Friedrich Feld (1902 - 1987), dem das von ihm geschriebene und 1948 erstmals im Wiener Verlag Jungbrunnen veröffentlichte Kinderbuch mit gleichem Titel zugrunde lag.  Sie dreht sich um die kleine Dampflok 1414, die nach 60 treuen Dienstjahren erschöpft ist. Vom Lokführer in die Nacht entlassen, erkundet sie unbekannte Gleise und erlebt aufregende nächtliche Abenteuer, durch die sie neue Kraft schöpft.


Dieses Hörspiel habe ich sicherlich mehrere 100 Male gehört, ich konnte es auch in voller Länge aufsagen, inklusive aller Geräusche und in verschiedenen Stimmen. In meinem YouTube-Kanalkan man das Hörspiel in der vollen Länge von 14 Minuten nachhören (Link · Es ist übrigens mit fast 22.000 Klicks mein erfolgreichstes YouTube-Video...).


Auch in diesem Fall gibt es Spuren in die unselige und mörderische Zeit des NS-Faschismus, die damals niemand für nötig hielt zu dokumentieren. Dieses Mal in die Richtung Österreichs. Auch Friedrich Feld (sein wirklicher Name war Rosenfeld) entstammte einer jüdischen Familie, 1902 in Wien geboren, 1987 in Bexhill in Südengland gestorben, war er Schriftsteller, Übersetzer und Kritiker, schrieb u.a. für die österreichische Arbeiter-Zeitung Literatur- und Filmkritiken und leitete kurzzeitig deren Feuilleton. Bereits 1934 emigrierte er nach Prag, wo er als Dramaturg, Lektor und Theaterkritiker tätig war. 1939 ging er ins Exil nach Großbritannien, ab 1946 arbeitete er dort als Übersetzer für die Nachrichtenagentur Reuters. 1948 nahm er die britische Staatsbürgerschaft an. Rosenfeld verfasste zahlreiche erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher, Theaterstücke und Hörspiele.

Weblinks:

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: guenter.rodewald[at]mercadodelibros.info

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