Ein Abschied von Bremen - Auch ein Wiedersehen?
- Guenter G. Rodewald

- vor 3 Minuten
- 3 Min. Lesezeit

5. August 2026 · Er wird schon auf dem Weg in sein Heimatland oder schon dort angekommen sein, in Philadelphia, Pennysylvania. Anlässlich des Gottesdienstes am 21. Juni, dem Tag des Sommeranfangs des Jahres 2026, war es den allerletzte offizielle Auftritt in der St. Martini Kirche in Bremen-Lesum des Kantors Matthew Glandorf. Es ist noch nicht wirklich lange her, nicht einmal zwei Jahre, dass er im Oktober 2024 von seiner vorherigen Stelle als Kantor des Kirchenkreises Oldenburger Münsterland in Cloppenburg nach Bremen kam. Dorthin war Matt, wie ihn alle nennen, aus den USA, aus Philadelphia gekommen, dort hatte er 27 Jahre am Curtis Institute of Music unterrichtet und gelehrt.
Auch wenn es eine kurze, übersichtliche Zeit hier im Bremer Norden gewesen ist, hat Glandorf viele musikalische Marksteine gesetzt. Neben seinen verantwortlichen Aufgaben als Organist und Leiter des Chores in den Gottesdiensten, hat er regelmäßig Orgelkonzerte gegeben, sowohl in seiner Stammkirche wie in anderen Gemeinden der Region. Daneben gestaltete er verschiedene herausragende, in lebendiger Erinnerung bleibende Konzerte in seiner Rolle als Dirigent mit der Capella St. Martini und meisterlichen Gesangs- und Instrumentalsolisten.
Erinnert sei dazu an »The Sacred Veil« (»Der Heilige Schleier«) des US-amerikanischen Komponisten Eric Whitcare (*1970) im vergangenen Oktober, das Konzert dreier Totenmessen im November 2024, als er das Requiem von Giacomo Puccini zusammen mit den Totenmessen von dessen Kollegen aus Österreich Anton Bruckner und aus Großbritannien Charles Villiers Stanford an einem Abend zusammen aufführte.
Oder der Abend, den er verantwortet hatte, mit dem Programm »Romantik of Colour«, gestaltet vom Bremer Namu Ensemble, an dem in einer beeindruckenden Aufführung jeweils zwei Komponistinnen und Komponisten vorgestellt wurden, die lange unbekannt, vergessen oder diskriminiert waren, es jedoch mehr als verdienen, dass ihre Werke wiederbelebt oder erstmalig aus der Vergessenheit und Versenkung geholt wurden.
Besonders stach auch sein Konzert »Bach und Spirituals im Dialog« mit der Capella St. Martini und herausragenden Solisten hervor, mit Werken von Bach, Tippet, Bonhoeffer und Morley noch im März 2025.

Man kann ihn verstehen

Man glaubt ihm, wenn Glandorf mit seinen eigenen Worten gesteht, dass ihm der Abschied von seiner Gemeinde und Bremen sehr schwerfällt, und gleichzeitig kann man bestens nachvollziehen, wenn er jetzt dem Ruf gewissermassen seiner Alma Mater, dem Curtis Institute of Music folgt, um dorthin zurückzukehren, um eine volle Stelle als Dozent für Musiktheorie, Musikgeschichte, Gehörbildung und Improvisation anzutreten. Das Curtis Institute of Music in Philadelphia ist eines der weltweit besten und exklusivsten Konservatorien für klassische Musik. Seine herausragende Bedeutung liegt in der kompromisslosen Spitzenförderung hochbegabter junger Musiker, die dort ein vollständig kostenloses Studium und eine Ausbildung auf absolutem Weltniveau erhalten.
Und? Was/wer kommt danach?
Es wird eine schwere Aufgabe für die St. Martini Gemeinde in Lesum werden, einen neuen Kantor oder neue Kantorin für ihre Kirche zu finden, aber erst recht für die Capella Sant Martini jemanden zu lokalisieren und zu engagieren, der diesen außergewöhnlichen, stimmgewaltigen und leidenschaftlichen Chor in seine Hände nimmt. Es wird nicht leicht sein, eine würdige Nachfolge aufzuspüren, die Matthew Glandorf das (Lesum-)Wasser reichen wird können. (Für Interessierte: in den Weblinks: die Stellenausschreibung!)
Sein Abschied von Bremen fällt ihm nicht leicht, das spürt man und so äußert er sich auch. »I love Bremen, ich liebe Bremen« sind seine Worte und man nimmt sie ihm ab. Aber man kann ebenso nachvollziehen, wie sehr ihn der Ruf zurück in seine eigentliche Heimat gereizt hat, wo sich ganz sicher schon viele Menschen - Studierende wie Zuhörer seiner eigenen Auftritte an der Orgel oder als Orchesterleiter - auf ihn freuen, mindestens ebenso sehr, wie wir ihn hier vermissen werden.
300 Jahre Matthäus-Passion
Matt hatte mir gegenüber, als wir uns nach seinem offizielen Auftritt in seiner Gemeinde voneinander verabschiedeten, geäussert, dass er sicher durchaus mal wieder in Bremen aufschlagen werde. Da sollte man ihn beim Wort nehmen und warum nicht jetzt schon Nägel mit Köpfen machen?

Man könnte ihn schon jetzt engagieren und einladen, dass er einen solchen Besuch bereits für den Winter 2027 in Augenschein nimmt, um dann aus Anlass des 300. Jahrestages der Uraufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach in der Thomaskirche von Leipzig an Karfreitag, dem 11. April 1727 diese hier in Bremen aufführt? Natürlich unter Mitwirkung der Capella St. Martini. Es wäre obendrein für ihn als Dirigent seine erste Matthäus-Passion.
Und warum dann nicht im St.-Petri Dom? Es schlösse sich ein Kapìtel: schließlich hat Glandorf dort seinen ersten Orgelunterricht erhalten, bei dem langjährigen Bremer Domorganisten Wolfgang Baumgratz und Professor für Orgel an der HfK Bremen, 1989 übernahm er dort die Leitung der Abteilung Kirchenmusik.
Matt, don’t forget us here in Bremen, and please do come and visit us again whenever you like. Good luck, and best wishes to Philadelphia and all the best for you and Julia, dear Matt!
Weblinks:
Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: guenter.rodewald[at]mercadodelibros.info.




Kommentare