top of page

A friend has gone

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • vor 3 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Andy Warhol, David Hockney, Henry Geldzahler and Jeff Goodman from "Out of the 60's" · Foto: Dennis Hopper, 1983 
Andy Warhol, David Hockney, Henry Geldzahler and Jeff Goodman from "Out of the 60's" · Foto: Dennis Hopper, 1983 

15. Juni 2026 · Er war zwar immerhin (oder nur) gute 12 Jahre älter als ich, als er vor vier Tagen starb, aber ich war, seitdem ich ihn das erste Mal wahrnahm und das bis letzter Woche, nie davon ausgegangen, dass er jemals sterben könnte: David Hockney, der uns am 11. Juni im Alter von fast 89 Jahren verlassen musste.


David Hockney vor seinem Haus in Beuvron-en-Auge · Foto © Jean-Pierre Gonçalves de Lima
David Hockney vor seinem Haus in Beuvron-en-Auge · Foto © Jean-Pierre Gonçalves de Lima

Allürenlos


Für mich wird es wohl bis an mein eigenes Ende unverständlich bleiben, dass er nicht mehr sein wird, denn er war für mich mehr als fünfzig Jahre präsent. Er konnte einen zu jeder Zeit fühlen machen, dass man ihn wo auch immer treffen könnte. Sei es unten auf der Straße, sei es in einem jener Restaurants, die man gerne besucht, einmal weil man gut dort speisen wie dass man's auch bezahlen kann.


Er ließ alle, die seine Bilder mochten, ganz persönlich an sich herankommen, diese Sicherheit hatte man immer. Begeistern konnten die Variationen seiner Schöpfungen, von den frühen Zeichnungen und die ersten bekannt und dann berühmt gewordenen Werke in der Zeit des Pop Arts, Kunstrichtung, die er zwar in vollen Zügen miterlebt hat, der man seine Werke aber nicht zurechnen sollte, und er sich ihr ebenso wenig verpflichtet fühlte. Über die Polaroids zu den wunderbaren Landschaftsbildern der letzten Jahre. Er war ein Künstler ganz ohne Allüren, den Eindruck hatte man immer. Mein Freund Holger und ich spannen oft genug herum, dass Hockney eines Tages in Holgers Laden für Herrenmode einkehren würde. Wir waren uns sicher, er gehörte - würde er nicht in London oder Beuvron-en-Auge oder LA oder New York leben würde, sondern in Bremen, dann zur Kundschaft. Ja, er wusste sich zu kleiden, bunt, mannigfach, nie überdreht, oft auch gerne in Harlekinischem. Vielleicht ist es vermessen, aber man konnte sich diesen weltberühmten Menschen als einen Freund vorstellen.


Bühnenbild zu Stravinsky: The Rake's Progress
Bühnenbild zu Stravinsky: The Rake's Progress

Mich haben auch seine Bühnenbilder fasziniert. Kein Wunder, war es doch einer meiner Träume gewesen, diesen Weg selbst einmal zu gehen; allein meine Blockaden, meinem Sexus freien Lauf zu lassen, ließen mich den notwendigen Schritt nicht trauen machen, obwohl ich auf ein reizvolles, sehr konkretes Angebot hätte zurückgreifen können. Ich zog es vor, mich zu verstecken. Aber irgendwann platzte der Knoten.


Hockneys Bünhenbildentwürfe sind in dem Band »Hockney Paints the Scene« (von Martin Friedman, Thames & Hudson London, 1983) zu sichten. Mozart, Stravinsky, Satie, Poulenc, Ravel sind von ihm bebildert worden, in Wien, Venedig, Paris und Monte Carlo. Allein dieses Buch ist schon ein Kunstwerk für sich.


Hoher Besuch in der Bremer Provinz


Ich bin glücklich, dass Hartmut, mein vor zweieinhalb Jahren verstorbener Mann, und ich David Hockney einmal in unserem bescheidenen Haus in Bremen-Aumund begrüßen durften, nachdem er uns ein paar Wochen vorher schon mit einem Bild von ihm beschenkt hatten, um das ich ihn gebeten hatte. »A Bigger Splash in the Pyrenees« haben wir es genannt.


»A Bigger Splash in the Pyrenees« · Foto © Guenter G. Rodewald, 2026
»A Bigger Splash in the Pyrenees« · Foto © Guenter G. Rodewald, 2026

Er war damals auf der Durchreise von Beuvron-en-Auge in der Normandie, wo er zusammen mit seinem Lebensgefährten Jean-Pierre Gonçalves de Lima von 2019 bis 2023 lebte. Er war auf dem Weg nach Hamburg, dort fand vom Februar bis September 2020 im Bucerius Kunst Forum die Ausstellung Die Tate zu Gast statt. Siehe unten in den Weblinks: Hockney in Aumund.


David Hockney auf unserem Besuchersofa · Foto © Guenter G. Rodewald, 2020
David Hockney auf unserem Besuchersofa · Foto © Guenter G. Rodewald, 2020

Mein Trabant in aufregenden Zeiten


Ich stieß auf Hockney irgendwann Mitte der siebziger Jahre. Ich hörte von ihm, sah einige Bilder, kaufte mir meine ersten Bücher, in denen ich den Maler, irgendwann bald auch den Fotografen näher kennenlernte. Im Buchladen von Bettina Wassmann kaufte ich mir ein Poster zu einer Hockney Exhibition in der Grey Art Gallery and Study Center in New York im Jahre 1980.


Ich habe es am Tag nach seinem Tod aus dem Keller geholt, wo ich es noch nach meinem Umzug in meine neue kleine Wohnung vorübergehend gelagert hatte. Es kommt dieser Tage an die Wand meines Etagenflures, wo seit meinem Einzug auch schon das Poster seiner Ausstellung David Hockney · Photocallages · a wider perspective im International Center of Photography NY hängt, darauf  seine vermutlich meist bekannte Collage Pearblossom Hwy., 11 - 18th April 1986, #2. Zugegebenermaßen ist das Poster schon ein wenig blass geworden, aber es erfreut mich (und meine Nachbarn) immer wieder, wenn ich meine Wohnungstür aufschließe.


Ein größerer Aufprall


Dann war da natürlich der Film A Bigger Splash von Jack Hazan (Weltpremiere 1974 beim Festival von Cannes), der seine deutsche Erstaufführung 1976 hatte, ich meine, ich muss ihn damals zu der Zeit hier in Bremen im Cinema gesehen haben.


David Hockney in: »A Bigger Splash« · © Salzgeber & Co. Medien
David Hockney in: »A Bigger Splash« · © Salzgeber & Co. Medien

All das fiel mitten in die aufregende Zeit meines schwulen Coming-Outs, mit dem ich mich endlich, wenn auch nicht zu spät, aus meinem jahrelangen Versteckspiel befreite. Die Bilder Hockneys zogen mich gewaltig in ihren Bann, ich war fasziniert von ihm, denn er war ein Künstler, der seine Homosexualität nie versteckt hatte, ganz im Gegenteil, sie war oft genug Bestandteil seiner Werke. Immerhin stand die leibliche Liebe zwischen Männern auch in England und Wales noch bis 1967 unter Strafe (bis 1981 noch in Schottland und in Nordirland bis 1982). Vergessen wir auch nicht, dass der § 175 des StGB auch im deutschen Recht endgültig erst 1995 abgeschafft wurde und der über 123 Jahre lang sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte.


Der Film zeigte das Ende seiner leidenschaftlichen Liebe zum 11 Jahre jüngeren Peter Schlesinger (*1948 in Los Angeles). Kurios: auf den Tag war Hockney 3920 Tage älter als Peter, der Altersunterschied zwischen meinem Mann Hartmut und mir betrug nur einen einzigen Tag weniger, dergestalt dass Hartmut 3919 Tage jünger war als ich…


Der Regisseur Martin Scorsese bezeichnete A Bigger Splash als »one of the finest films I have ever seen about an artist and his work« (New York Magazine · 25. 07.1994).


David Hockney und Peter Schlesinger · Foto © Will McBride
David Hockney und Peter Schlesinger · Foto © Will McBride

Campo dei Fiori


Es muss in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren gewesen sein. Ich war damals unterwegs mit meinem damaligen Liebhaber Johannes. Wir kamen von einer aufregenden Rundreise auf der Insel Sardegna, landeten von dort mit der Fähre in Civitavecchia und fuhren weiter mit dem Zug nach Rom. Wie es uns gelang, ein Quartier in der Altstadt zu finden, kann ich mich nicht mehr erinnern, aber wir fanden eine wohlfeile Herberge direkt am Campo dei Fiori und genauso nannte sich auch die Unterkunft, Albergo Campo dei Fiori, eine sehr schlichte Unterkunft mit der Dusche auf dem Gang, heute ein Hotel mit gepfefferten Preisen. Ein wunderbares Zimmer hatten wir, mit einem französischen knarrenden Bett, so recht nach dem Geschmack von zwei jungen sich liebenden Männern.


An der Rezeption verriet man uns nach der ersten Nacht, dass in unserem Zimmer ein sehr berühmter Maler mit seinem Geliebten gewohnt habe, nach dessen Namen befragt, nannte man ihn. Sie ahnen, wer es gewesen sein könnte. Ja, es war der leibhaftige David Hockney, wohl mit Peter Schlesinger, die in dem gleichen Bett in der Herberge gelegen hatten wie wir die Nacht vorher und die folgenden Nächte. Von Peter Schlesinger gibt es in dem Band 75 Drawing by David Hockney (New York, Viking Press, 1971) Zeichnungen in dem Zimmer, die Hockney von ihm gemacht hat.


Mut, Moot, courage, valentía, 勇气, Мужество etc.


Sich als Schwuler zu outen wird möglich, wenn man Mut fasst, egal wo und in welcher Sprache. Aber vor allem dann, wenn man sich dabei nicht allein fühlt. Es wird begleitet von der Entdeckung von möglich werdender Sexualität, man entdeckt das wohltuende Gefühl von Romantik, das man so lange unterdrückt und vor der Umgebung versteckt hat. Und so verband mich eine heimliche Liebe zu Hockney, er wurde zu meiner Eskorte, meinem Trabant. Und wird es bleiben. Und vielleicht, je nachdem, wie das Leben im Olymp geregelt ist, trifft man sich dort dann vis-à-vis zwischen so manch anderen guten Menschen, berühmten und mit jenen die man ins Herz geschlossen und die man schon hat gehen lassen müssen. Die Liste wird ja nicht kürzer…


Olympischer Traum in jungen Jahren · Von links: G.G.R., P.P., D.B.,D.H., F.A. und A.W. alle KI-kreiert
Olympischer Traum in jungen Jahren · Von links: G.G.R., P.P., D.B.,D.H., F.A. und A.W. alle KI-kreiert

Weblinks:

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info

Kommentare


© 2018 - 2026 by Guenter G. Rodewald

bottom of page