Diagnose: Kreuzschmerzen
- Guenter G. Rodewald

- vor 1 Tag
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1. Juni 2026 · Ich wusste bei meinem Premierenbesuch am vergangenen Freitag der neuen Produktion des Statt-Theater-Vegesacks des Musicals »Dracula · Das Grusical« vom Komponisten und Autors Claus Martin bereits, was mich erwartet, nämlich nur Gutes. Denn ich hatte das Privileg, am Dienstag davor die erste der zwei Hauptproben besuchen zu dürfen, die dann bereits - wenn alles gut geht - durchgespielt wird, wie eine »echte« Aufführung vor »echtem»« Publikum, und natürlich schon in Kostüm und Maske, mit Bühnenbild, Licht und Ton - alles wie einstudiert, und eben auch mit allen Musikstücken. Denn diese Probe erschien mir eigentlich perfekt, kaum Wackler, und was ich auch schon einmal erfuhr, dass in diesem Stück alle an Kreuzschmerzen erkranken werden, nicht weil die Zuschauerstühle so unbequem wären, sondern wegen des Anblicks eines Kreuzes, ein Kruzifix, den ein Vampir, egal welchen Grades in der Dynastie, erleidet, wenn ihm/ihr (ja, es gibt natürlich auch weibliche Vampire, Vampirinnen sozusagen) ein solches entgegengestreckt wird. So viel sei schon mal verraten, viele sind es am Ende des Abends nicht, die solche Schmerzen am Ende überleben.
Viel, viel Arbeit steckt dahinter
Vor gut zwei Jahren traf die Vegesacker Laienbühne die mutige Entscheidung, sich an dieses 2005 im Konzert-Theater Coesfeld uraufgeführte Musical zu wagen, um es dem Publikum Vegesacks und dessen Umgebung zu präsentieren. Dazu gehört ohne Zweifel viel Courage, denn das Stück fordert einer Schauspieltruppe viel, sehr viel ab, denn nicht nur Text muss gelernt und einstudiert werden, sondern viel Gesang, Solos, Duette und Chöre müssen geprobt werden, genauso die diversen Choreographien.
Für den musikalischen Teil hat das Statt-Theater die Musikpädagogin, Kirchenmusikerin und Solistin auf vielen Instrumenten Greta Bischoff gewinnen können. Ihr ist gelungen, die große Truppe, die das Stück für dessen Besetzung erfordert, zu einem oft nahezu professionell auftretenden Ensemble zu formen. Die Chöre, die allesamt mit choreographischen Auftritten verbunden waren, genauso wie einzelne herausragende solistische Auftritte, herausragend die zwei Liebes Duette des Stücks. Das erste, zwischen Mina Murray (Marla Fries) und Jonathan Harker (Mel Araujo Walzberg), ans Herz rührende des unschuldigen Liebespaars, und das zweite eher laszive zwischen Graf Dracula (Paul Morten Richter) mit jener, der gleichen Mina, die der Vampir sich mittlerweile schon per tiefem Biss in ihre Halsschlagader in sein Reich der Untoten geholt hatte.
Überhaupt waren es diese drei Protagonisten, die dem Abend einen Großteil seines Vergnügens verliehen haben, alle drei mit weitgehendem komödiantischen Talent von fast schon professionellen Schauspielern. (Sollten die drei Ambitionen in diese Richtung verspüren, unbedingt »Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke» ansehen, jenen Film, dem zur gleichen Zeit der Vegesacker Dracula-Premiere in Berlin 10 Lolas verliehen wurden und in dem die Leiden des jungen Joachim Meyerhoff, gespielt von Bruno Alexander, auf der Münchner Otto Falckenberg Schule zu erleben sind.)
Ein prächtiges Ensemble
Die eingefleischten Fans dieser Truppe wird es nicht überrascht haben, dass sie einmal wieder deren überbordende Freude am Spiel genießen konnten, die Begeisterung, die ihre Mitglieder in die Rollen packen, die sie verkörpern. Das macht dieses Ensemble von jeher aus.
Durch ihre Wichtigkeit in der Dramaturgie des Musicals hervorstechenden Darsteller sei als erste die der leicht ordinären, liebestollen Immobilienhändlerin, letztendlich heimliche Herrscherin über die Kleinstadt Huntington, in der wir uns wiederfinden, Mrs. Meredith Hawkins, genannt: meisterhaft gegeben von Imke Wellmann.
Ebenfalls glänzen Jürgen Bachmann als der leicht spinnerte, dennoch liebenswerte Leiter seines Sanatoriums, wo der Abend spielt, eher ein Irrenhaus (wie man aber solche Institutionen heutzutage nicht mehr nennen sollte), Dr. Sewart, neben dem Schloss vom Grafen Dracula. Weiter Arne R. Buchholz als der durch das Stück führende und den Vampirspezialisten Dr. von Helsing gelungen verkörpert.
Viel Sympathie des Publikums begleiteten auch die beiden Darstellerinnen der zwei, von Erfolglosigkeiten verfolgten Tagesdiebe Backe und Timmy: Stefanie Fries und Swantje Knüwer. Aber die Namen aller weiteren Darsteller und Darstellerinnen gehören erwähnt und dick unterstrichen, sie spielten sich alle ihre komödiantischen Seelen aus dem Leib:

Spiel und Bild
Und hinter all dem unterhaltsamen, kurzweiligen Spiel erneut die bewährte Hand der Regisseurin Christina Richter, auch ihr Mut, so ein kompaktes Drama auf die Bühne des Kulturbahnhofs zu heben, verdient großen Applaus, und ihr ist die Umsetzung dieses anspruchsvollen Projekts sehr gut gelungen.
Direkt vor dem Szenarium saß, in schwarzer Kutte, den Rücken zum Publikum, die bereits oben vorgestellte Greta Bischoff, die musikalische Seele des Ganzen an ihrem Keyboard, dem E-Piano und den diversen weiteren elektronischen Musikcomputern und dirigierte sehr diskret, aber wirksam die Truppe und die Solisten, die vor ihr tanzten und sangen.
Eine schöne, den ökonomischen Möglichkeiten einer Laienbühne gut angepasst, war das Bühnenbild von Andrea Tiedemann: auf Rollen bewegbare Elemente, auf denen Bilder der Klinik, von Huntington, den Festsälen im Hause von Mrs. Hawkins und des Grafen Dracula und seiner Gruft kopiert waren, ich vermute via KI-Technik. Diese wurden in den Pausen zwischen den Szenen und Akten im Fast-Dunkel von den Akteuren selbst hin und her bewegt. Ansonsten umgaben die Bühne von allen Seiten - natürlich außer der zu uns, den Zuschauern, pechschwarze Bühnenhorizonte.
Dazu stimmte die gut ausgeleuchtete Beleuchtung, der Ton und weitere Technik, verantwortet durch Claudia und Rainer Wendelken. Die wurde nur einmal recht geheimnisvoll von außen gestört, erst vermutete man den Donner eines sich ausschüttenden Gewitters, aber dann wurde klar, eine Hochzeit »a la turca« dröhnte aus der gegenüberliegenden Grohner Düne herüber.
Hat sonst etwas gestört?
Ja. Schon bei einer der zwei Hauptproben, der ich beiwohnen durfte, störten mich einige, wenn auch nur sehr wenige, die etwas platten schräg erotischen Ausdrücke, die zwar einige glucksende Lacher im Publikum erzeugten, aber ich fand und finde, die hätten besser in einen Schwank eines Bauerntheaters gepasst, weniger in dieses Stück.
Mehr habe ich aber nicht auszusetzen, ich habe mich teuflisch gut amüsiert und empfehle aus vollem Herzen den Besuch einer der noch folgenden neun Aufführungen im Monat Juni von »Dracula · Das Grusical«!

Das Statt-Theater-Vegesack auf vielen Kanälen
Was ausdrücklich angemerkt gehört: Die Präsenz des Statt-Theaters-Vegesack in den sogenannten Sozialen Medien hat inzwischen gehörig an Fahrt aufgenommen, sowohl auf Facebook wie auf Instagram oder TikTok findet man es in angemessener Breite und Tiefe. Es waren jetzt laufend Berichte, skurrile Kurzvideos mit Sketchen aus der Probenarbeit zu Dracula zu sehen, die sicher bei manchen treuen und neuen Fans dieser ganz speziellen Laienbühne Lust verursacht haben, sich das Grusical anzusehen und anzuhören. Wer aus der Truppe auch immer dahinterstecken mag (man kann da einen gewissen Verdacht haben...), dem, der oder denen, die sich da so vehement ins Zeug gelegt haben gebührt an dieser Stelle ein extra langer und kräftiger, ganz spezieller Szenenapplaus. (Siehe auch unten in den Weblinks!)
Weblinks:
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