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Wer hier klaut, stirbt!!!

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • 20. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

20. Juni 2026 · Na ja, ganz so schlimm kam es dann vorgestern am späten Nachmittag nicht, als in der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · SuUB die Ausstellung »Schwarzer Markt Rote Bücher« der HfK Bremen im Beisein vieler Studentinnen und Studenten und Mitarbeiter der SUUB von der stellvertretenden Direktorin der SUUB, Claudia Bodem, eröffnet wurde, zusammen mit Jasper Otto Eisenecker, Grafiker und Hochschullehrer an der HfK Bremen im Studiengang Integriertes Design / Visuelle Kommunikation.


Dieses Projekt stand in direkter Verbindung zu der deutschlandweiten Initiative zur Erforschung von Raubdrucken, initiiert von der Literaturwissenschaftlerin an der FAU Erlangen-Nürnberg Prof. Dr. Anette Gilbert, und unter Beteiligung weiterer Institutionen und Universitäten, wie die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) in Leipzig, welche die wissenschaftliche Raubdruck-Sammlung verwahrt, die Fritz Thyssen Stiftung, die die Forschungsprojekte und Tagungen finanzierte. Ebenso die Freie Universität Berlin, die Ludwig-Maximilian-Universität München, die Universität Bremen.


Wer hier klaut, stirbt!!! Diese Drohung lag als Flugblatt in der Ausstellung wie liegengeblieben irgendwo herum, zwar nicht versteckt, jedoch auch nicht sofort ins Auge fallend. Sterben, wie gesagt, musste an dem Nachmittag keiner, obwohl die Delikte, auf die sich die Exposition bezog, schon damals auch strafbewehrte Konsequenzen nach sich zogen. Wenn es sich auch um keine sehr harte, womöglich mit Freiheitsstrafen geahndete Gesetzesbrüche handelte.


Klassenkampf um Copyright


Die Ausstellung erweist sich als intellektuell anregender Glücksfall. Die Schau, die in Kooperation mit den Studierenden der Hochschule für Künste Bremen (HfK) und dem Freundeskreis der Bibliothek realisiert wurde, betreibt weit mehr als bloße Nostalgiepflege. Sie schafft einen zeitgenössischen Blick auf die Raubdruckbewegung und schlägt eine Brücke von den subversiven. alternativen Druckereien der 1960er und 1970er Jahre direkt in unsere digitale Gegenwart.



Ausgangspunkt des Projekts ist die sogenannte Raubdruckbewegung, die - ausgehend im Zuge der 68er-Revolte - knappe zwei Jahrzehnte. mit ihren Höhepunkt in den 70ern, aktiv war. Angetrieben von dem Willen, kapitalismuskritische, philosophische und feministische Texte zu demokratisieren, setzten sich studentische, politisch links bewegte bis autonome Aktivisten radikal über das bürgerliche Urheberrecht hinweg. Wissen sollte kein kommerzielles Gut, sondern Kollektiveigentum sein.


Die Schau nutzt die hauseigenen Bestände der SuUB an historischer »grauer Literatur« und illegal vervielfältigten Print-Produkten sowie das HfK Archive of Independent Publishing (AIP). Sie dokumentiert eindrucksvoll, wie eine ganze Generation verbotene, verschollene oder unerschwingliche Texte billig vervielfältigte, bevor die Bewegung staatlich kriminalisiert wurde, aber auch im Laufe der Jahre weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand.


Die Inszenierung: 13-mal Gegenwart


Das Herzstück der Ausstellung bilden 13 multimediale Arbeiten von HfK-Studierenden, die unter der Begleitung von Prof. Tania Prill und Jasper Otto Eisenecker entstanden sind. Den jungen Gestalterinnen und Gestaltern gelingt das Kunststück, die historische Ästhetik und Praxis nicht bloß auszustellen, sondern sie als subjektive Neuinterpretation in einen völlig neuen Kontext zu transferieren.


Ihre Arbeiten zeigen auf, wie mit visueller Sprache Effekte zu erzielen sind, wie funktionierten die groben Typos, die billigen Einbände und die oft provokanten Cover der Original-Raubdrucke, welche Widmungen, Manifeste und anonymen Vorworte wurden den Texten hinzugefügt, um sie politisch aufzuladen und wie stifteten diese illegalen Schriften Identität und organisierten politischen Widerstand?



Vom analogen Schwarzmarkt zu Sci-Hub


Besonders stark ist die Ausstellung dort, wo sie den Brückenschlag zu modernen Debatten vollzieht. Wer heute über Open Access, Schattenbibliotheken im Internet oder die Urheberrechtskonflikte durch Künstliche Intelligenz nachdenkt, erkennt in den alten Raubdrucken die analogen Vorläufer moderner Datenpiraterie. Der historische »Klassenkampf um Copyright« mutiert im Digitalen zum Kampf um Algorithmen und Paywalls.


»Schwarzer Markt, Rote Bücher« ist fast so etwas wie ein Pflichttermin für alle, die sich für Buchgestaltung, Medienaktivismus und die politische Dimension von Information interessieren. Die Schau zeigt eindringlich, dass Bibliotheken nicht nur Verwahrorte von Wissen sind, sondern auch der perfekte Ort, um über dessen Freiheit zu streiten.


Was zusätzlich nicht hoch genug gewertet werden sollte, ist das permanente Engagement der SuUB - ihrer Leitung, all ihren Mitarbeitern und dem Freundeskreis - Perspektiven aus ihrer Arbeit, dem Forschen nach den Wirkungen, dem Entstehen und der Geschichte der gedruckten, grafischen und typografischen Kultur in greifbarer Form mittels der Ausstellungen zu illustrieren und verstehen zu machen.


Die Ausstellungen der SuUB finden immer in den kleinen Kabinett hinter dem Saal der PC-Arbeitsplätze ihren Platz, schon auch deutlich hinter seiner Glasfront sichtbar, die die das Team der Ausstellungsdesigner sehr effektiv und originell zur Werbung für den Besuch der Exposition umfunktioniert hat, mit dem das Ereignis eskortierenden Slogan »Zwischen Diebstahl und Zugang liegt nur ein Gesetz«, spitzbübisch typografisch zitiert im Font der legendären IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine Selectric, dem beliebten Handwerkszeug der damaligen Raubdrucker/innen. Der Leitspruch hinterfragt die feine Grenze zwischen illegaler Vervielfältigung, dem Diebstahl, und dem freien Teilen von Wissen und Bildung, dem Zugang. Er verdeutlicht, dass oft nur die Gesetzgebung darüber entscheidet, welche Form der Informationsverbreitung als legal gilt.



Was man dem ganzen Engagement der SuUB nur wünschen möchte, ist, dass die Universität Bremen diesen Initiativen auch räumlich einen größeren räumlichen Rahmen schaffen sollte. Die Kunst um die Disziplin des Büchermachens verdiente eine solche Wertschätzung, gerade unter dem Aspekt, dass auch diese Art der geistigen Schöpfung um ihr Überleben fürchten muss, angesichts der Angriffe seitens der virtuellen und viralen Monstren.

 


Vor-/Nachbereitung


Wenn man sich schon einmal über die einzelnen Ausstellungsprojekte ein Bild machen möchte, kann man sich den Katalog ansehen, der auf authentische Weise die typografischen, damit ästhetischen Techniken der damaligen Raubdrucke zitiert. Sprich, gearbeitet wurde oft mit elektronischen Schreibmaschinen, ein Segen war es, eine IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine Selectric zur Verfügung zu haben, die mehr als 15 kg wog und einen Höllenlärm machte. Handwritten notes und das geniale Handwerkszeug Letraset, 1959 in Londen von den Grafikern Fred Freshwater und John C. Byfield erfunden. Es war aber so extrem teuer, dass zum illegalen Raubdruck auch oft genug zusätzlich das Delikt des Ladendiebstahls hinzukam...



Im Oktober wird es eine Podiumsdiskussion zu der Ausstellung und dem Phänomen der schwarzen und grauen Drucke(r) geben, sowohl mit den Künstlern, Machern und Verantwortlichen der Exposition, wie aber auch mit Zeitzeugen jener Bewegung. Genaueres zu Ort und Zeit wird nachgereicht.


Zwei nette Gesten



Ich kann und sollte es auch nicht verhehlen, dass ich mich irrwitzig darüber gefreut habe, einen meiner zwei Raubdrucke in der Ausstellung wiederzufinden, für die ich Ende der 60er und Anfang der 70er die subversive Verantwortung hatte und deren motivierender Hintergrund mein schwules Coming-Out bildete. Dass er dort zu sehen ist, ist wiederum einer klandestinen Aktion zu verdanken, wie mir eine für die Ausstellung verantwortliche Person versicherte.


Diese eine Geste freut mich doppelt, da so an meinen Freund Rainer Machura erinnert wird, der den Druck beider Raubdrucke ermöglicht hatte; den der Autobiographie Besuche in Sackgassen · Aufzeichnungen eine homosexuellen Anarchisten (Trikont, München 1978) von Peter Schult (1926-1984) und den des im queeren Milieu  New Yorks spielenden Krimi Gefangen in Babel · The Lure (Schweizer Verlagshaus, Zürich 1981) von Felice Picano (1944-2025).


Die andere Geste, die sich die Studenten ausgedacht hatten, war, dass sie den Personen, die von »außen« an dem Studien-Projekt »Schwarzer Markt Rote Bücher« der HfK Bremen mitgewirkt hatten, und die bei der Eröffnung dabei waren, jeder und jedem eine Gartenchrysantheme überreicht haben. Ich klemmte sie gleich an mein E-Dretrad und fuhr wohlgemut nach einem anregenden und lebendigen Nachmittag in warmer Sommerluft durch den saftiggrünen Bremer Bürgerpack zum Bahnhof, um in aller Ruhe zu Hause anzukommen.


Weblinks:

  • HfK Bremen | Homepage: Link

  • SUUB | Homepage: Link

  • Freundeskreis der SUUB Bremen: Link

  • Pirat a.D.: Link

  • Felice Picano: Link

Reaktionen:

  • »Sie haben das Konzept der Ausstellung wunderbar beschrieben.« · Claudia Bodem, stellvertretende Direktorin der SuUB

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info

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