Großer Meister vor kleinem Publikum
- Guenter G. Rodewald

- 5. Juli
- 4 Min. Lesezeit

4. Juli 2026 · Der gestrige Konzertabend im Joachim Linnemann Saal des Bremer Tabakquartiers begann damit, dass der Virtuose des Abends, der 1997 geborene Julius Asal, mittlerweile ein international gefeierter deutscher Pianist, erst einmal allein auf die Bühne trat und in wenigen, aber intensiv erklärenden Worten, die Idee und der Abfolge des unkonventionellen Programms des Abends beschrieb, das unter dem Motto Symbiotic Clash stand. Dahinter stand Asals Idee, Komponisten, die sich aus ihren realen Lebenszeiten nicht haben kennen können, die den anderen und deren Musik aber durchaus geschätzt haben, oder die auf andere Weise konzeptionell, gedanklich zueinander passen, darum an diesem Abend, in diesem Arrangement miteinander zu verknüpfen.
Asal beschrieb das mit seiner sehr warmen, flüssigen Art zu sprechen, sehr persönlich obendrein, war dazu attraktiv gekleidet mit einem gedämpft grünen bequem erscheinenden Suit, trat also nicht im klassischen Pianoabend-Outfit auf. Dieser Start passte schon einmal bestens in Bremens vielleicht spannendste und in eine der Stadt attraktivsten Spielstätte mit ihrer sensationellen Akustik für Konzerte symphonischer und kammermusikalischer Charakteristik.
Es wird den Veranstaltern der ausdrückliche Dank gutgetan haben, den Julius Asal in seiner Einführung über die Großzügigkeit und Freiheit äußerte, die man ihm gelassen habe, sein Programm selbst in dieser persönlichen Breite zusammenzustellen. Das sei bei weitem keine Selbstverständlichkeit und eher selten, fügte er hinzu.
Erst danach traten die Musiker der Bremer Philharmoniker in großer Besetzung und der Dirigent des Abends Luka Hauser von hinten und von den Seiten auf das Podium und der musikalische Teil des Abends konnte beginnen. Dass er sich abwechslungsreich präsentieren würde, dafür hatte Asal in seiner Einführung schon gesorgt und das versprach auch der Programmzettel, der leider nur via einem QR-Code zur Verfügung stand. Den sollte man vielleicht durchaus auch noch traditionell in einer Print-Version zur Verfügung stellen, nicht nur aus Rücksicht auf ältere Besucher, aber auch aus Respekt vor jenen, die ihr Handy bereits vor dem Betreten des Konzertsaals ausschalten.

Rasant ging der Abend dann los
Es ging los mit dem Satz »Agitato – Schlitten« aus »Die Geschichte eines unbekannten Schauspielers« von Alfred Schnittke (1934-1998), Filmmusik aus dem russischen Films des gleichen Titels von 1977 des Regisseurs Aleksandr Zarkhi. Sofort waren Asal und die gesamten Philharmoniker in ihrem Element. Ein rasanter Einstieg in den Abend!
Dem schloss sich – gegensätzlicher konnte es kaum kommen – von Franz Schubert (1797-1828) dessen »Impromptu nº 1 c-Moll op. 90 D 899«, mit dem Asal seine meisterhafte, vitale Virtuosität demonstrieren konnte, er aber selbst dabei eher bescheiden auftrat, in seinen Gesten effektvoll, nie übertreibend.
An der Haustür klingelt es
Danach wieder ein höchst dramatisches Stück von Alfred Schnittke, sein »Konzert für Klavier und Streichorchester op. 136«, deren erste Töne – wie Asal in seiner Einleitung das Publikum erheiternd beschrieb – wie eine Ding-Dong-Türglocke beginnen, hören Sie selbst:
Eine packende musikalische Kooperation zwischen Asal und den Philharmonikern, das beiden einen hörbar (und auch sichtbar) höllischen Spaß bereitet hat. Das knapp eine halbe Stunde lange Konzert hatte Schnittke 1979 ursprünglich als Auftragswerk für den Pianisten Wladimir Krainew komponiert. Da Schnittke das Stück jedoch nicht rechtzeitig fertigstellen konnte, wurde es schließlich aber später noch im selben Jahr in Leningrad uraufgeführt. Es ist ohne Zweifel eines der meistgespielten Stücke des Komponisten.
Ein Unikat
Darauf folgte von Gustav Mahler dessen »Klavierquartett a-Moll« für Violine, Viola, Violoncello und Klavier, dessen einzige Komposition Mahlers für das Klavier bildet - wie Asal ebenfalls in der Introduktion unterstrichen hatte. Begleitet hatten Asal dabei drei der Bremer Philharmoniker, deren Namen ich leider nicht mit der nötigen Sicherheit beifügen kann, da sie auf dem Programmblatt nicht namentlich erwähnt waren. Ein meisterhaft musizierendes Quartett, das uns da aufspielte und dem das Publikum entsprechend begeistert applaudierte!
Der krönende Abschluss
Den bildeten die »Paganini-Variationen für Klavier und Orchester« von Witold Lutosławski (1913-1994), über die das calvio.de folgende schreibt: »… ein brillantes und virtuoses Bravourstück, das ursprünglich 1941 als Version für zwei Klaviere entstand. Das Originalwerk komponierte Lutosławski während des Zweiten Weltkriegs, als er seinen Lebensunterhalt als Pianist in Warschauer Cafés bestritt. Im Jahr 1978 orchestrierte er diese beliebten Variationen meisterhaft für Klavier und Orchester, wobei der Solopart weitgehend erhalten blieb.«
Ein Stück, das so recht der Spielfreude des Solisten und den Orchestermusikern des Abends Note für Note auf den Leib geschrieben ist!
Wo haben sie sich alle rumgetrieben…
… die Besucher, die den Weg in dieses überwältigende Konzert nicht gefunden haben? Denn leider war der Zuschauerraum nur zur Hälfte besetzt, fast so viele Menschen auf der Tribüne wie Musiker auf dem Podium. Vielleicht war die ‚Breminale‘ daran schuld oder die gerade begonnenen Schulferien oder ist einmal wieder die angeborene Trägheit der Bremer und Bremerinnen dafür verantwortlich, denen ein Weg, der ein paar wenige Kilometer aus dem östlichen Teil der Hansestadt, der dazu noch über die Weser führt, zu weit erscheint?
Das tat dem Abend und dem Genuss aber keinerlei Abbruch, es wurde lange und heftig applaudiert, belohnt wurden wir mit zwei Zugaben, die letzte eine Improvisation von Julius Asal über das Thema der Filmmusik von Enrico Marricones »Once upon a time in the West/Spiel mir das Lied vom Tod«. Ein schöner Abschluss eines unvergesslichen Konzertabends, der ideal in diese ehemalige Lagerhalle der alten Tabakfabrik gepasst hat. (Siehe auch unten in den 'Reaktionen' die Ergänzung durch Asal.)
Und hier spricht Julius Asal selbst:
Weblinks:
Reaktionen:
»Vielen Dank!! Die Zugaben waren einmal der Tango aus Schnittkes 'Leben mit einem Idioten' sowie mein Arrangement von Ennio Morricones 'Deborah’s Theme' aus 'Once Upon A Time in America'! Viele Grüße!!« · Julius Asal, Pianist
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