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Es wird mächtig in Bremen dackeln

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • vor 3 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 20 Stunden

22. April 2026 · Das für den kommenden Oktober von der Kunsthalle Bremen angekündigte Ereignis hätte meine Tante und den dazugehörigen von uns Kindern (und ich schätze auch von meinen Eltern) ungeliebten Onkel sicher gefreut und würden es sich nicht nehmen lassen, eine solche Exposition auszulassen, obwohl ich sie so einschätze, dass sie nie regelmäßige Besucher von Kunstmuseen waren, und jetzt auch nicht unbedingt von einer Veranstaltung, wie sie die Kunsthalle plant. Aber wo diese doch großflächig (mit viel Gebell hoffe ich) mit diesem Titel angekündigt werden wird: Der Dackel. Eine Ikone geht Gassi (Kunsthalle Bremen - 31.10.2026 – 28.03.2027), hätten sie sicherlich den Web von der Manteuffelstraße im vorderen Schwachhausen in die 200 Jahre alte Kunsthalle am Altenwall auf sich genommen.


Denn nachdem der Sohn der Tante und des Onkel (Zitat: »Die Langhaaarigen? Ab ins Emsland!« *), er war das einzige Kind der beiden, sich als einer der im Jahre 1960 allerersten Kriegsdienstverweigerer der Bundesrepublik Deutschland geoutet hatte und auch anerkannt worden war und damit  seinen Eltern einen ideologischen Stoß versetzt hatte, und er dann auch noch ins südeuropäische Ausland zog, schafften die Eltern sich, um den Verlust zu kompensieren, einen Hund an. Womit ich endlich zum Thema dieses Beitrags komme, denn ihre Wahl fiel auf einen Langhaardackel, den sie »Quitte« nannten.


Diese bellte immer gerne und schneidend laut, ich hatte immer Angst, dass sie mir in die Knöchel beißen könnte, dazu beunruhigte sie immer mal wieder ihre Haltereltern mit am Ende Scheinschwangerschaften, die einhergingen mit der Angst von Tante und Onkel, dass sie sich trotz strenger Aufsicht womöglich hatte schwängern lassen und damit gar Bastarde in die Welt haben könnte. Nach Quittes Ableben kam dann noch »Tummel« ins Haus, die aber weniger und, wenn doch, leiser bellte.


My Family and other Animals


Wir Kinder fanden diese Hundeliebe immer ein wenig suspekt und machten uns sehr gerne lustig über diese Verwandtschaft, meine Eltern wohl auch. Diese hatten eine Zuneigung zu kleineren Mitgliedern der Fauna, ich wuchs mit mal grünen, mal blauen Wellensittichen auf, die abwechselnd »Yoko« oder »Pico« gerufen wurden. Yoko I. wusste auch ein paar Worte durch die Wohnung zu schmettern.


Das waren die Tiere in unserer Familie, dazu gehörte aber noch unser Kater »Peter« aus meinen ganz frühen Jahren und ein kleines Aquarium voller Guppys, von einem meiner Brüder versorgt und gepflegt, die eines Sonntagmorgens alle mitten tot auf dem Teppich des Wohnzimmers lagen, weil über Nacht ihr Bassin, das auf dem väterlichen Schreibtisch stand, implodiert war. Warum, weiß bis heute niemand zu rekonstruieren.


Ich selbst hatte dann auch einen Hund, als ich schon erwachsen war, einen Terriermischling aus dem Tierheim, den ich »Elvis« getauft hatte, der aber wegen seiner Lust aufs Streunen durch den Wald einem »Jagdunfall« zum Opfer fielen. Später, als ich mit meinem Mann Hartmut lange Jahre in der Nähe Barcelona lebten, kam als Welpe der Labrador »Kafka« zu uns, zu dem sich eine Retriever-Setter -Hündin »Mia« gesellte, später dann noch, wieder aus einem Hundeasyl »Maggie« dazu, die uns auch auf unserer Rückkehr nach Bremen begleitete und hier vor einem guten Jahr mit stolzen 18 Hundejahren starb.


Das also zu meiner eigenen Sozialisation als Halter verschiedener Canis lupus familiaris.



Hundeausstellung in einer Kunsthalle?


Ich bin sicher, ich bin nicht der erste oder einzige, der erstaunt war oder es jetzt überrascht liest, dass die gerühmte, mehr als 200 Jahre existierende Bremer Kunsthalle sich einem Thema beschäftigen wird, das sie so ankündigt:

  • Einst als kurzbeiniger Tiefbauexperte für die Jagd auf den Dachs gezüchtet, hat sich der Dackel buchstäblich hochgearbeitet. Vom Underdog zum Star! Heute ist er ein unwiderstehlicher Sympathieträger und eine ikonische Figur. Humorvoll und kritisch wird die Ausstellung mit rund 100 hochkarätigen historischen und aktuellen Werken dem Dackel folgen. Neben Malerei, Zeichnung, Photographie, Video, Installation und Performance gibt es Seitensprünge in Populärkulturelles, zum Deko- und Spielzeugdesign – und bei all dem auch den Versuch, die Perspektive des Dackels selbst einzunehmen.


Ob sich der Leiter der Kunsthalle Bremen, Prof. Dr. Christoph Grunenberg, und sein Team des möglichen Ansturms bewusst sind? Autonome, Haltervereine negierende Dackeleinheitsfronten bereiten bereits Aktionen zum 31. Oktober zur Eröffnung der Exposition an. Erste Bilder der geplanten Ideen sind schon durchgesickert:



Dackel werden (wieder) immer populärer


Wenn man sich ein wenig in den Medien umsieht, sieht man bestätigt, dass die Popularität von Dackeln sehr hoch gestiegen und das Interesse und der Trend an den Dachshunden und das Interesse an ihnen, insbesondere seit Beginn der 2020er Jahren, deutlich gestiegen sind. Und weiter in die Höhe gehen. Und wie gehabt in ihren drei Spielarten Kurzhaar, Langhaar und Rauhaar.


Früher hatte diese Spezie - ich rede von den 50er und 60er Jahren (siehe oben Tante & Onkel) - ein ausgesprochenes »Spießer-Image«. Wir alle erinnern uns sicher noch an die »Wackelhunde« in dieser Zeit, die einen meist ziemlich blöd von den Hutablagen durch die Heckscheiben ansahen, wenn man hinter ihnen herfuhr. Mittlerweile haben Dackel sich aber wieder zu einem ausgesprochenen Trendhund entwickelt. Gründe scheinen ihre »handliche« Größe für das Stadtleben zu sein, ihr Auftauchen und ihre starke Präsenz auf Social Media Kanäle. Auch ihr sein selbstständiger bis eigenwilliger Charakter schient zu locken. Sie passen in jede Wohnung, man bekommt sie überall gut hin, sei es im ÖPNV, im »Smart«, im Hundekorb auf dem »Citybike« oder im Jet nach Mallorca, man sieht sie auch rücklings in »City-Rucksäcken« (ja! so heißen die!) »Gassi« getragen werden.


Sie werden als kultig, »retro« und stylisch empfunden, was ihn besonders bei jungen Großstädtern attraktiv zu machen scheint. Dass die hohe Nachfrage leider auch zu einer Zunahme unsauberer Zuchtpraktiken führt und die Tiere durch inflationäre Züchtung anfällig für schwere Rückenprobleme (Dackellähme) werden, ist die Begleiterscheinung, die immer für »Modehunde« gilt und galt, wie es schon lange Labradors, Dalmatiner und nach wie vor Schäferhunde erleiden.


Geht man von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 12 bis 15 Jahren und den stabilen jährlichen Geburtenzahlen aus, lässt sich die Zahl der reinrassigen, registrierten Dackel in Deutschland auf etwa 80.000 bis 100.000 Tiere schätzen. Hinzu kommt eine unbekannte, aber vermutlich recht hohe Anzahl an Dackeln ohne offizielle Papiere sowie Dackel-Mischlingen. Also 1 Dackel auf um die 500 in der BRD lebende Personen...


Von der soziologischen Perspektive auf den Dackel in die künstlerische


Nun handelt es sich bei der Kunsthalle Bremen nun in keiner Weise um eine naturwissenschaftliche Sammlung, obwohl sie 2019 schon einmal mit der Ausstellung »Tierischer Aufstand · 200 Jahre Bremer Stadtmusikanten in Kunst, Kitsch und Gesellschaft« zoologisches Terrain betreten hat (65.000 Besucher!). Aber es gibt in der Kunstgeschichte diverse Künstler und Künstlerinnen, die Dackelhalter waren und sind. Und sie in ihren Werken verewigt haben. Und so lockt die Kunsthalle Kunst- und Dackelinteressierte und alle weiteren Neugierigen in diese Exposition mit diesem Statement:


  • Das Who’s Who der westlichen Kunstgeschichte liebt den Dackel. Pablo Picasso und sein Atelierdackel Lump wurden durch die Photographien von David Douglas Duncan zu einem unvergesslichen Gespann, für Andy Warhol ist Dachshund Archie ein Alter Ego, David Hockney erzählt mit seinen Gemälden von Stanley und Boodgie eine fast filmisch anmutende Hommage seiner dösenden Dackel. Max Liebermann, Otto Dix, Pierre Bonnard oder auch die legendäre Tierphotographin Ylla waren Dackelfans. In der internationalen Gegenwartskunst sind es heute unter anderem Rosemarie Trockel, Paloma Varga Weisz oder Elina Brotherus, deren Dackel uns zu denken geben.


Ohne dass die Kunsthalle damit schon im Detail verrät, welche Werke sie tatsächlich von welchen Künstler:innen zeigen wird, tauchen in der Pressevorankündigung bislang nur Bilder von Arbeiten eines Max Liebermann, eines Frank Burkhardt und von Ylla (Camilla Henriette Koffler) auf. Ich hoffe, der eine oder andere David Hockney wird wohl hoffentlich auch darunter sein. Denn ihn kann man wohl mit aller Wucht zum wichtigsten lebenden Künstler der Dackel-Bildnisse erklären, mit den in seinen verschiedensten Techniken geschaffenen Porträts seiner Teckel, die im Englischen - ganz leicht zu merken - »dachshunds« heißen. Ach ja, wo wir gerade bei dem Namen von Dackeln in einer anderen Sprache waren, im Spanischen werden sie neben »teckel« auch sehr gerne als »perro salchicha« gerufen, was nichts anderes heißt als »Wursthund« oder eben auch »Hundewurst«.


Wenn es da Bedarf geben sollte, bin ich gerne bereit, aus meiner häuslichen Sammlung dieses Exponats beizusteuern, das uns gute, alte Freunde aus Cambridge vor vielen Jahren geschenkt hatten, eine Papierserviette mit Hockneys Dackel »Stanley«, die seitdem in all unseren Küchen gerahmt gehangen hat und jetzt auch weiter hängt. Sie hatten sie damals aus dem Salts Mill Café im historischen Salts Mill in Saltaire, England mitgebracht, das das Punchinello-Wandbild und weitere Werke von David Hockney beherbergt?


Ich werde auf keinen Fall versäumen, mir die Ausstellung in der Kunsthalle Bremen anzusehen, ich fühle mich extrem interessiert und neugierig, was es da zu sehen und zu entdecken sein wird. In meiner Jacke versteckt werde ich unseren Küchen-Stanley mitbringen, damit er auch was von der Ausstellung hat. Stören wird er nicht, denn bellen haben wir ihn noch nie gehört...


Ansonsten bleibt die Frage: dürfen Ausstellungsbesucher ihre Dackel mitbringen, natürlich nur angeleint, und gepinkelt wird vorher draußen? Und was kommt als Ticketpreis auf ihre Halter zu?

Zeitlich könnte es nicht besser passen, als dass ein Buch zum Thema Dackel, das Christine Paxmann geschrieben hat und das 2012 erstmalig erschien, nun im September in einer aktualisierten und erweiterten Neuausgabe unter dem Titel Der Dackel · Eine Weltanschauung. Jäger, Herzensbrecher, Draufgänger – sein Wesen, seine Geschichte, seine Haltung beim BLV Buchverlag herauskommt. Ich werde gerne darauf zurückkommen, sobald das Buch in meinem Briefkasten bellend seine Ankunft kundgetan haben wird. Und natürlich wird dieses Buch sicher ausstellungsbegleitend im Bremer Buchhandel und im Museumsshop der Kunsthalle selbst zu erwerben sein.

Ein zweiter Hinweis sei noch gegeben: Wohl nicht in der Ausstellung selbst, aber sicher im Museumsshop der Kunsthalle kann es auch zu der Begegnung mit diesen Dackeln geben, die das Werk des Bremer Löffelschnitzers Horst Wesemann (Link) sind, mit dem es ihm gelang, der zweidimensionale Zeichnung des Dackels Lumpi von Picasso eine dritte Dimension zu verleihen. Wesemanns Dackel haben sich längst zu einem Topseller seiner Schnitzereien gemausert und haben schon längst zwei drollige Spitznamen für sich erobert: Olivenschiffchen oder Käse-Igel des 20-sten Jahrhunderts.


Im Geschichtenhaus Vegesack gibt es vom 09.05.2026 bis zum 16.05.2026 eine Ausstellung »ZWÖLF» von Horst Wesemann (Löffelschnitzereien) und Frank Warnecke (Texte). (Link)

Und zum Ende: wie bellt der Dackel?


*) Und dieser Exkurs sei mir auch noch erlaubt:


»Ab ins Emsland!« war im Nationalsozialismus eine euphemistische, zynische Redewendung für die Deportation in die Emslandlager. Dies waren 15 Konzentrations-, Straf- und Kriegsgefangenenlager zwischen 1933 und 1945, die als Orte des Terrors und der Zwangsarbeit im Moor dienten. Die Inhaftierten wurden als „Moorsoldaten“ bekannt.  Ab 1933 dienten die Lager (wie Esterwegen, Börgermoor, Neusustrum) in erster Linie der Inhaftierung politischer Gegner (Kommunisten, Sozialdemokraten), später auch anderer Opfergruppen. 



Die Häftlinge mussten unter extrem brutalen Bedingungen Moore kultivieren, Torf stechen oder in der Rüstungsindustrie arbeiten. Insgesamt kamen in den Emslandlagern über 20.000 Menschen durch Hunger, Erschöpfung und Misshandlung ums Leben, die meisten davon waren sowjetische Kriegsgefangene. Das Lager Börgermoor ist berühmt für das von Häftlingen verfasste Lied „Die Moorsoldaten“, das zu einem Symbol des Widerstands wurde. Heute erinnert die Gedenkstätte Esterwegen als zentrale Einrichtung an die Geschichte dieser Lager. 


Der Ausruf »Ab ins Emsland!« war somit eine direkte Drohung, die mit Haft, Folter und oft dem Tod im Moor gleichgesetzt wurde.

Weitere Weblinks:

  • Kunsthalle Bremen: Link

  • BLV Verlag: Link

  • Christine Paxmann: Link

  • Horst Wesemann: Link

Reaktionen:

  • »... SEHR toller Artikel!« - K.W., Kulturjournalistin, Bremen

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info

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