Sterben in Rom
- Guenter G. Rodewald

- vor 20 Stunden
- 3 Min. Lesezeit

14. Mai 2026 · Wie so manchmal ist es ein Zufall oder verursachen es einfach die Aufenthalte im viralen Netz, aber vor allem die verführerische Lust, nach dem Aufwachen schon früh am Morgen herumzugoogeln (kennt jemand ein Synonym für dieses Verb? Das DWDS nicht…), so dass ich heute in der Frühe auf die Spur meiner frühen literarischen Lektüre gestoßen wurde, die einen wichtigen initiierenden Effekt für mich hatte, nämlich einen Hinweis auf den Roman »Der Tod in Rom« von Wolfgang Koeppen (1906 – 1996).
Wie, erinnere ich nicht, oder wann genau und oder durch wen oder durch was auch immer angeregt worden war, das Buch zu lesen. Es zog mich jedoch damals in einen unwiderstehlichen Sog, war mir s0 wohl zum ersten Mal ein Buch in die Hände gefallen, in dem zwei Themen, die mich plagten, literarisch verarbeitet wurden: die eigene familiäre Vergangenheit in der Zeit der Jahre um 1933 bis 1945 und meine persönliche Unsicherheit, die Ängste, aber eben auch die Gewissheit betreffend, dass es keinen Weg mehr um die Tatsache gab, mir unausweichlich bewusst wurde, dass ich homosexuell bin.
Ich schreibe von den Siebzigern, damit in einer Zeit, in der der § 175 noch festen und bedrohlichen Bestandteil des StGB bildete, jener unselige, seit 1871 existierende Paragraph, der sexuelle Handlungen zwischen Männern auch in der Spanne meines Erwachsenwerdens unter Strafe stellte und erst im Jahre 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch eliminiert wurde.

Was hat das mit Koeppen zu tun?
In Koeppens Roman treffen zwei miteinander verschwägerte Familien im Rom der ersten fünfziger Jahre aufeinander, die eine der beiden mit noch junger, fast unmittelbarer verbrecherischer Vergangenheit des Naziterrors in Italien und die andere, eine jüdische, Opfer der Verfolgung durch die Nazis. Zu dieser letzten gehört auch Siegfried Pfaffrath, ein Komponist der Zwölftonmusik, eben auch homosexuell und jungen bis sehr jungen Männern hingezogen wie ich, ich fühlte mit dieser Romanfigur verwandt. So direkt kann Literatur wirken..
Entsprechende Schilderungen homosexueller subkultureller Begegnungen des jungen Paffrath erregten meine Aufregung. Gerade diese Passagen werden natürlich zum Zeitpunkt des Erscheinens des Romans im Jahre 1954 noch um ein Vielfaches skandalöser gewirkt haben im Vergleich zu ihrer Wirkung in der Zeit, in der ich sie las, mittlerweile in einem Land, in dem sich seit den 68ern schon einiges geändert hatte. Abgesehen von des Aufruhrs über solche Texte, verbat sich die seinerzeitige Kritik es sich energisch, wie Koeppen das »neue« aufblühende Westdeutschland mit solchen Geschichten verunglimpfte. Sehr mutig dieser Autor, ohne dass er wohl selbst zu der schwulen Gemeinde gehört hätte! Zumindest scheint es dazu keine Hinweise zu geben.

Wiederentdeckt!
Die Erinnerung an das mich damals so erregende und aufregende Buch fand also heute Morgen statt, als ich im Netz durch eine Notiz des Bremer Autoren Andreas Rumler auf ein Video eines Vortrags stieß, den sein literarischer Kollege, der Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen Dieter Richter (*1938 in Hof/Bayern), im Januar 2023 im Haus der Wissenschaft Bremen als Veranstaltung der Wittheit zu Bremen gehalten hatte und der zum Titel hatte: »Schüsse in der Ewigen Stadt. Wolfgang Koeppens Nachkriegs-Roman ‚Der Tod in Rom‘«.

Das Video habe ich mir dann gleich nach seiner Entdeckung heute früh angesehen/angehört. Sehr tiefgehend schildert Richter in den 45 Minuten des Referats sowohl die literaturhistorischen Hintergründe des Romans, seine Handlung, aber auch die zeitgenössische Rezeption des Romans.
Leider gehört meine eigene die im Grasgrün bei der edition suhrkamp erschienene Ausgabe von »Der Tod in Rom« zu denjenigen, die ich im Zuge meiner räumlichen Veränderung in eine kleinere Wohnung im vergangenen Jahr habe opfern müssen. Derweil höre ich mir schon mal seit heute Nachmittag die gelungene Hörspielversion des Romans an, in der Produktion des HR/SWR/WDR, während ich auf ein Exemplar des Buches warte, das ich mir eben antiquarisch bestellt habe und das ich sicher mit gewisser Spannung wiederlesen werde. Ich bin sehr sicher, es wird mich nicht enttäuschen und mich auf gewisse Weise in meine Jahre als Jüngling zurückbeamen....
Mein Dank für dieses Erleben geht mit vielen Grüßen an Dieter Richter.
Weblinks:
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