Mal wieder mit der 'MS Friedrich' in See stechen
- Guenter G. Rodewald

- 29. Mai
- 6 Min. Lesezeit

29. Mai 2026 · Heute erschien ein Buch des Bremer Autors Johann-Günther König, das sein Verlag zu Klampen mit neugierig machenden Zeilen so anpreist: »Eine Seefahrt, die ist lustig – ein Lied, das schon um 1900 gesungen wurde und heute noch Kreuzfahrtbegeisterte begleiten könnte. Für frühere Schiffsreisende jedoch sah die Realität meist anders aus.« Diese Werbezeilen weisen auf die neueste Publikation Königs hin, das der schreibfreudige und vielgelesene, aber auch seitens seiner Verlage freudig verlegte Autor mit einem hanseatischen Thema vorlegt. Der Titel: »Hafen oder Tod · Schiffsreisende aller Zeiten erzählen«.

König hat darin Reiseberichte von der Seefahrt der Antike bis heute gesammelt und in einer abwechslungsreichen Anthologie zusammengetragen und schickt seine Sammlung auf hohe See. Damit hat König eine weitere Publikation zu kulturhistorischen wie politökonomischen Fragestellungen und Themen rund um die Mobilität des Menschen verfasst, die sich einreiht bei zu Klampen bereits erschienenen Titeln: »Die Autokrise« (2009), »Anschluss verpasst! Die Krise der deutschen Bahn« (2024), »Pünktlich wie die deutsche Bahn?« (2018), »Das große Geschäft. Eine kleine Geschichte der menschlichen Notdurft« (2015).

Ein Buch mit vielen Facetten
Königs »Hafen oder Tod« ist ein ebenso kenntnisreiches wie unterhaltsames Panorama der Kulturgeschichte des Reisens über Wasser. Auf den rund 270 Seiten versammelt der Autor Berichte von Passagieren aus zweieinhalb Jahrtausenden und lässt sie von ihren Erfahrungen auf Meeren, Flüssen und Ozeanen erzählen – von antiken Händlern und Pilgern über Auswanderer und Polarforscher bis hin zu den ersten Kreuzfahrttouristen. Bereits die Einleitung macht deutlich, dass Seereisen früher nur selten Vergnügen bedeuteten, sondern meist mit Angst, Entbehrung und existenzieller Unsicherheit verbunden waren.
Königs große Stärke liegt in der klugen Verbindung von historischer Einordnung und lebendigen Originalquellen. Er erzählt nicht trocken chronologisch, sondern ordnet sein Material thematisch. Kapitel über Seekrankheit, Schiffbruch, Kannibalismus, Frauen an Bord oder das Leben im Zwischendeck eröffnen überraschende Perspektiven auf ein scheinbar vertrautes Thema. So entsteht ein vielstimmiges Mosaik, in dem ebenso bekannte Autoren auftauchen, wie dass Heinrich Heine, Franz Kafka, sogar Paulus, Ibn Dschubair oder Jean de Joinville nebeneinander auftreten und von denselben Urerfahrungen berichten: Übelkeit, Furcht, Hoffnung und Staunen.
Besonders eindrucksvoll ist, wie der Autor historische Distanz überwindet. Die zitierten Passagen lassen das Knarren der Planken, den Gestank unter Deck und die Verzweiflung in Stürmen unmittelbar erfahrbar werden. Ob seekranke Dichter, hungernde Pilger oder schiffbrüchige Reisende – ihre Stimmen wirken erstaunlich gegenwärtig. König kommentiert diese Zeugnisse mit leichter Hand, fundiert, aber nie vorlaut. Im Gegenteil, immer wieder taucht sein bekannter und von seinen Lesern geliebte Sinn für Humorigkeit auf. Und dennoch bleibt sein Stil immer präzise, verliert nie Anschaulichkeit und wird von spürbarer Begeisterung und Neugier für maritime Geschichte getragen.
Das Buch ist zugleich ein kulturhistorisches Kompendium. Es vermittelt Wissen über Navigation, Schiffstypen, Reisebedingungen und gesellschaftliche Hintergründe, ohne den Lesefluss zu hemmen. Umfangreiche Anmerkungen, Literaturverzeichnis und Glossar unterstreichen den wissenschaftlichen Anspruch, während die erzählerische Gestaltung das Werk auch für jeden Laien zugänglich macht.
Ein echter König also
Es versteht sich von selbst, dass ein Buch, das aus der Königschen Werkstatt kommt, auch eine umfangreiche dreiseitige Literaturliste mitliefert, wenn man nach dieser ersten Lektüre noch weiter herausfahren in die Gewässer und Ozeane der Welt, zumindest mehr über sie erfahren will. Auch ein noch voluminöseres, nämlich ein sich auf sechs Seiten ausbreitendes Glossar mit Begriffen aus der Nautik und dem Reisen über die Meere. Menschen, die beruflich oder in ihrer freien Zeit mit den Bewegung über Wasser vertraut sind, werden den meisten von ihnen bekannt sein. Andere, die Schiffsbewegungen eher vom Ufer aus oder durch harmlose Hafenrundfahrten oder Passagen mit Seebäderschiffen auf die Ost- oder Nordfriesischen Inseln kennen, können aus der langen Liste lernen. Zu dieser letzten Kategorie gehöre, gestehe ich, aber nunmehr weiß ich beispielsweise, was ein Lateinersegel, ein Orlopdeck, ein Palstek oder was unterm Begriff Gieren zu verstehen ist.
Dennoch ein kleiner Einwurf
Leider fehlt dem Buch allerdings ein onomastisches Register, das kommt leider immer mehr aus der Mode, dabei ist es heute so viel leichter mit den existierenden gängigen viralen Handwerkszeugen zusammenzustellen. So hätte man auf Anhieb in Königs Werk einen doppelten Verweis auf die vom Autor eben zweimal erwähnte Costa Concordia finden können, jenes Kreuzfahrtschiff »das am 13. Januar 2012 an der Westküste Italiens halb unterging. Der Rumpf des mit mehr als 4000 Menschen besetzten Schiffes war bei einem riskanten Schiffsgrußmanöver von einem Felsen aufgeschlitzt worden. Aufgrund der chaotisch verlaufenen Evakuierung verloren 32 Passagiere und Besatzungsmitglieder ihr Leben. 2014 konnte die Costa Concordia nach einem langwierigen Bergungsprozess abgeschleppt, in einem Hafen zerlegt und schließlich verschrottet werden.«, wie König uns auf Seite 199 berichtet.
Und diese wäre das passende Bild dazu:

Das sei noch angemerkt. König beleuchtet König auf immerhin 17 Seiten die neueste Plage des Kreuzfahrtstourismus. Für das Jahr 2026 rechnet die internationale Kreuzfahrtbranche laut Prognosen des Branchenverbands CLIA (Cruise Lines International Association) weltweit mit rund 38,3 Millionen Passagieren, davon gute drei Millionen Deutsche: Die Zahl der weltweiten , diese Zahl soll bis 2028 noch auf 41,9 Millionen steigen. Was die Zahl der Besatzungsmitglieder betrifft, ergibt sich für die gesamte Flotte hochgerechnet ein Bedarf von etwa 12,5 bis 15 Millionen weltweiten Crew-Einsätzen pro Jahr.
»Alle Mann an Deck!«
Mit diesem maritimen Aufruf laden Verlag, Autor und die Bremer Humboldt- Buchhandlung zur Präsentation der Novität am 11. Juni 2026 um 19 Uhr in Bremen ein. Wer daraus und darüber und Authentisches dazu erfahren möchte, sollte sich schon mal dieses Datum notieren. Originellerweise findet der Akt auf der 'MS Friedrich' statt. Am Martinianleger an der Bremer Schlachte. Anmeldung ist allerdings nötig: bei Humboldt-Buchhandlung - info@humboldt-bremen.de), die Plätze sind gezählt. Nicht dass der 146 alte Dampfer unter der Last von zu vielen König-Fans sinkt und sich damit womöglich eine neue Geschichte entwickelt, die in das Buch gehörte... An Bord ebenfalls als Erster Offizier Königs Lektor, Clemens Wlokas vom zu Klampen Verlag.
Ob wir auch ablegen oder fest vertäut am Kai liegen bleiben, war bislang nicht zu ermitteln, hin und wieder wurde der alte Steamer schon ein paar Flussmeilen die Weser hinab und hinauf gesichtet, und auf der Homepage des Vereins MS FRIEDRICH E.V., der den Doppeldecker heute unter seiner Obhut als Reeder betreut, wird angezeigt, dass man sie durchaus auch für kleine Weserfahrten chartern kann.

Zur Rettung auf See: das Sammelschiff der DGzRS
Und wenn dann doch mal was schiefgehen sollte: gibt es doch in unseren See- und Flussgewässern die DGzRS · Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die seit dem 29. Mai 1865 nunmehr - und damit auf den Tag genau vor 166 Jahren, also am gleichen Tag wie das heutige Publikationstag (das kann doch wohl kein Zufall sein, Herr König, oder?). Auch dazu eine weitere Erinnerung aus meinen Kindertagen beisteuern. Denn zu meiner maritimen Sozialisation zu Lande gehörte eins jener Sammelschiffchen für Spenden zugunsten der DGzRS, das damals auf auf dem Kassentresen der Buchhandlung meines Vaters stand. Damals noch in festem Metall, weiß-knallrot und der Schriftzug noch in der gebrochenen Grotesk der 1950er Jahre. Obwohl es allerdings mit einer Klokette gegen Diebstahl festgemacht war, war diese aber lang genug, dass ich auf dem Fußboden des Ladens mit ihm spielen konnte. Das Engagement für die Arbeit dieser Lebensretter ging auch nach seinem Ableben weiter; statt Blumen zu spenden bat er aus Anlass seiner Trauerfeier um Donationen für die DGzRS...

Gute 70 Jahre achteraus in die Vergangenheit

Ich selbst war auf der 'MS Friedrich' vor 73 Jahren schon einmal ihr Fahrgast, wovon sogar ein wundersames s/w-Foto existiert. Wer es gemacht haben könnte, weiß ich nicht, vielleicht ein Bordfotograf? In unserer Familie - meine ich - gab es damals zu diesem Zeitpunkt noch niemanden, der fotografierte. Links von mir sitzt meine Großmutter Wilma väterlicherseits (*1881 - † 1964) und rechts mein Vater Wilhelm (*1912 - † 1998). Warum die beiden meinen, mich fest an beiden Armen festhalten zu müssen, kann ich ich ebenfalls nicht mehr rekonstruieren. Ich glaube nicht wegen womöglich größerer Furcht vor der, ich denke, vermutlich allerersten Schifffahrt meines Lebens, eher weil man mich daran hindern wollte (und musste?), vorwitzig zum Kapitän oben ins Oberdeck zu stürmen. Oder saß ich bereits daselbst in der ersten Etage des Schiffes? Ja, auf dem Foto erkenne ich an den Holmen im Hintergrund jetzt, es war das obere Deck des eigenwillig ersonnenen Designs des Dampfers.

Natürlich fällt auf, dass alle auf dem Foto erkennbaren Personen wohl behütet die Partie zur 'Großen Hafenrundfahrt' angetreten sind, allesamt kesse High-Fashion-Enthusiasten der 50-er Jahre, was ihre Kopfbedeckungen betrifft. Vor allem meine Omi, die in meiner Erinnerung immer irgendwelche Hüte mit kleinen zierlichen Schleiern trug, und mein Vater mit seiner schmissigen Baskenmütze, die ich immer 'Bastelmütze' nannte. Ich selbst mit Pudelmütze, weniger elegant, dafür ganz sicher warm und von der anderen, der 'Hildesheimer' Oma gefertigt.
Hier zur weiteren Einstimmung auf »Hafen oder Tod das Vorwort des Autors:
Johann-Günther König: Hafen oder Tod · Schiffsreisende aller Zeiten erzählen
Hardcover · 272 Seiten · 14 s/w Illustrationen · HC: € 28,00 · E-Book: € 20,99
Weblinks:
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