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Hätte Wilhelm Hartmann das gefallen?

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • 2. Juli
  • 5 Min. Lesezeit
Foto: Olaf Mahlstedt / BauNetz Wissen
Foto: Olaf Mahlstedt / BauNetz Wissen

2. Juli 2026 · Das hätte man von ihm erfahren können, wenn er sich am vergangenen Sonntagvormittag zu einer der drei Gruppen hätte anschließen können, die am diesjährigen Tag der Architektur im Lande Bremen an dem Baukomplex des Hartmann-Stiftes in Bremen-Vegesack stattgefunden haben. Das war Wilhelm Hartmann beim besten Willen nicht möglich, denn sein Todestag liegt bereits ganz knappe hundert Jahre zurück, genauer gesagt am 12. Dezember 1926. Man kann sich jedoch durchaus vorstellen, dass ihm das im vergangenen Jahr fertigstellte Ensemble aus sechs Blöcken und in der Mitte des Ganzen mit dem restaurierten zentralen Gebäude des ehemaligen Stiftes, das Hartmann 1877 gestiftet hatte, gefallen würde.


Eine transparente Exkursion


Die wegen der großen Hitze der vergangenen Tage war die erste knapp einstündige Führung über das Gelände des Hartmannstift-Wohnquartiers auf 9 Uhr am Morgen anberaumt worden, die durch den Architekten Georg Schönborn und die Architektin Katrin Schmitz des Berliner Architekturbüros SCHÖNBORNSCHMITZ ARCHITEKTEN und durch den Geschäftsführer Thorsten Nagel und den Prokuristen und Bauleiter Michael Lück der Bremen-Norder PROCONGRUPPE als Projektentwickler und Bauherr des gesamten Projekts, gestaltet wurde.


Man erfuhr zu Beginn einiges über den Namensgeber des Hartmannstiftes und in einer Kurzversion, wie sich das ganze Projekt über die Jahre entwickelt hatte. Immerhin lagen zwischen Start und Fertigstellung immerhin dreizehn Jahre. Die grundsätzliche Entscheidung der Investoren in das mutige Projekt lag darin, dass man das zentrale Gebäude des ursprünglichen Komplexes des Stiftes erhalten wollte, es aber aus seinen architektonischen Strukturen eines vor gut 150 Jahren erbauten Bauwerks befreien musste, um es für Wohnungen heutiger Bedürfnisse und Ansprüche bewohnbar zu machen.



Was das Bauprojekt Hartmannstift ausmacht


Das Hartmannstift war eines der bedeutendsten historischen Gebäude in Bremen-Nord. 1885 stiftete der Aumunder Wilhelm Hartmann (1844-1926) der damals noch eigenständigen Stadt Vegesack ein Asyl für arme und mittellose Kranke, das 1887 als Stadtkrankenhaus Hartmannstift eröffnet wurde. Seit 1961 bis 1988 diente es als Frauenklinik. Dann beherbergte der über die Jahre immer größer gewordene Gebäudekomplex das Bauamt Bremen-Nord, und nach einer befristeten Zwischennutzung als Flüchtlingsunterkunft bis zum Jahresende 2016 standen die Gebäude leer.


Dann entschloss man sich aber zu einem großen, recht radikalen Schritt im Interesse einer sinnvollen Quartiersentwicklung, nämlich den denkmalgeschützten Altbau dauerhaft zu erhalten und das gesamte Gelände als modernes, gemischt genutztes Wohnquartier neu zu entwickeln. Das Projekt verfolgte dabei mehrere städtebauliche und gesellschaftliche Ziele: eine denkmalgerechte Sanierung des historischen Hauptgebäudes, den Abriss der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen An- und Erweiterungsbauten, und die Schaffung eines offenen Quartiers mit einer hohen Aufenthaltsqualität.


Daraus ist ein Neubau von sechs Gebäuden geworden, das die Integration verschiedener Wohnformen – das heißt insgesamt 70 Wohnungen mit einer Wohnungsgröße von 2 bis 5 Zimmern, sowohl frei finanzierte und wie öffentlich geförderte. Dazu die Einrichtung einer Kindertagesstätte, einer Tagespflege und inklusiven Wohnangeboten. Aus ökologischer Sicht war eine weitere Vorgabe der weitgehende Erhalt des alten Baumbestandes und Neupflanzungen von Bäumen, die dem Abriss geschuldet waren, sowie die Entwicklung eines benachbarten Parks.


Insgesamt hat man ein stimmiges Quartier geschaffen, das sowohl Denkmalpflege, modernen Wohnungsbau und soziale Infrastruktur zu einem integrierten Stadtentwicklungsprojekt vereinigen konnte.


Architektonische Planung und Konzeption


Die Planung der SchönbornSchmitz Architekten basiert auf der Idee, den historischen Bau wieder als identitätsstiftenden Mittelpunkt sichtbar zu machen. Jahrzehntelang war das ursprüngliche Hartmannstift durch die späteren Krankenhausanbauten nahezu vollständig verdeckt. Deren Rückbau stellte den historischen Baukörper wieder frei und gab ihm seine städtebauliche Präsenz zurück.


Städtebauliches Konzept


Der Entwurf organisiert das Quartier entlang einer autofreien Mittelachse zwischen der Gerhard-Rohlfs-Straße und unterhalb dieser liegenden Albrecht-Roth-Straße. Diese Sicht- und Wegeachse führt unmittelbar auf das historische Hartmannstift zu und macht es erneut zum räumlichen Mittelpunkt. Die sechs Neubauten sind locker um diesen zentralen Freiraum gruppiert. Dadurch entstehen unterschiedlich nutzbare Plätze, Wege und Grünräume mit einem parkartigen Charakter. Die Gebäude bilden kein geschlossenes Blockrandquartier, sondern ein offenes Ensemble mit guten Blickbeziehungen und hoher Durchlässigkeit. In der Mitte entstand eine Agora, die vielleicht noch eine attraktivere Ausstattung verdient hätte. Einen klassischen Brunnen und einladende Bänke als sie aktuellen rund und ihn herum vielleicht? Einer wie der auf dem Grohner Markt?



Architektonische Gestaltung


Die Neubauten wurden bewusst zurückhaltend gestaltet: keines der Gebäude hat mehr als drei Vollgeschosse, wobei der historische Bau einige wenige Meter höher als die übrigen vorweist. Die neue entstandenen sechs Bauwerke erscheinen als klare kubische Baukörper, haben rote Ziegelfassaden, die Bezug zum historischen Altbau und zu den Ziegeldächern der in der Albrecht-Roth-Straße liegenden Einfamilienhäuser der sechziger Jahre und den sich dahinter in der Schulkenstraße befindlichen Blöcken mit ihren Backsteinfassaden und -Dächern aufnehmen.


So übernimmt der rote Backstein die Materialität des historischen Gebäudes und sorgt für eine starke Ensemblewirkung, ohne womöglich den denkmalgeschützten Altbau zu kopieren. Und zitiert damit außerdem das historische und traditionell und heute immer noch gerne genutzte Baumaterial vieler Gebäude dieser Region, zum Beispiel ganz in der Nähe in Richtung des Bahnhofs Vegesack der fast im gleichen Jahr (1861) wie das Hartmannstift entstandene Komplex der Gerhard-Rohlfs-Schule.


Gelungen!


Aus architekturhistorischer Sicht kann man das Hartmannstift-Quartier durchweg als ein gelungenes Beispiel einer behutsamen und respektvollen »Stadtreparatur« des Ortes werten. Nicht der Neubau dominiert, sondern der mit der Geschichte des Ortes Vegesacks und der um ihn herumliegende Ortschaften beiderseits der Weser historisch wichtige Stiftungsbau wird wieder zum identitätsprägenden Mittelpunkt eines neuen urbanen Wohnquartiers. So können sich damit viele Generationen der in Bremen-Nord und in der Umgebung von 1961 bis 1971 in diesem Hartmannstift zur Welt Gekommenen mit dem neuen Komplex weiter als ihren Geburtsort identifizieren.


Das Hartmannstift-Wohnquartier aus Richtung Westen · Foto: Olaf Mahlstedt / BauNetz Wissen
Das Hartmannstift-Wohnquartier aus Richtung Westen · Foto: Olaf Mahlstedt / BauNetz Wissen

Es nahmen auch einige der Anwohner der neuen Wohnanlage, in die die ersten Mieter im Mai des vergangenen Jahres eingezogen waren, an der Führung teil, von denen auch authentisch ausdrücklich die gelungene Qualität des gemeinsamen Wohnens bestätigt und gelobt wurde. Einige kritische Worte an Details der Bauten dieser Teilnehmer fielen dabei aber auch, die sich allerdings bereits in der Phase einer hoffentlich positiven Lösung der entsprechenden Hausverwaltungen befinden. Darum baten die Verantwortlichen der Führung auch darum, diese Aspekte aus der Veranstaltung herauszulassen, was dann auch problemlos geschah.


Ein Detail


Die Architekten hatten ein achtseitiges Leporello im DIN A6-Format für die an der Führung teilnehmenden Besucher angefertigt, mit fotografischen Details und Plänen. Hier kann man ihn als pdf downloaden: Link.



Hohe Anerkennung


Das Projekt und ihre Macher können auf hohe Anerkennung in eindringlicher Form dergestalt zählen, dass man das Hartmannstift-Wohnquartier mit dem Bremer Wohnbaupreis 2025 krönte. Ebenso gehören sie zu den insgesamt 40 Nominierten des Deutschen Bauherrenpreises 2026, der am Montag vergeben wurde. Der Deutsche Bauherrenpreis (Link) gilt in der Fachwelt als der wichtigste Preis im deutschen Wohnungsbau.


Eine ausführliche Beschreibung des Gewinner-Projekts kann man in einem Artikel der Fachzeitschrift Baunetz finden, den man hier lesen kann: Link.


Und abschließend noch etwas mehr zu Wilhelm Hartmann und eine Idee für den 12. Dezember dieses Jahres:


Weblinks:

  • Die Architekten: Link

  • Der Promotor: Link

  • Mehr zur Biografie von Wilhelm Hartmann: Download

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: guenter.rodewald@mercadodelibros.info

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