J.B. in Pusdorf ¹
- Guenter G. Rodewald

- vor 1 Tag
- 7 Min. Lesezeit

Im März 2026 · Natürlich war in Nullkommanichts nach der Bekanntgabe des Auftritts von Jan Böhmermann im Tabakquartier am 3. März der Reihe von »My Playlist« im Interview mit dem in Bremen aufgewachsenen und mittlerweile weltweit Bekannten und geschätzten Axel Brüggemann alle Billetts ausverkauft. Den Abend hätten die Bremer Philharmoniker auch DIE GLOCKE schnellstens als ausgebucht vermelden können. Aber umso mehr spricht es für Bremens offizielles musikalisches Stadtorchester, dass man dieses trotz der großen Popularität des Gastes dem intimen und mittlerweile bewährten Format eines Gesprächs über Musik mit bekannten und populären Personen treu bleibt. Jeweils zählten im ausverkauften Saal (fasst knappe 400 Zuschauer) vor dem Abend mit Böhmermann schon Wigald Boning, Til Mette, Thomas Schaaf zu den Gästen und zum Abschluss der Serie ist der ZEIT-Herausgeber Giovannl di Lorenzo am 4. Mai eingeladen. Fällt Ihnen das Gleiche wie mir auf? In der ersten Serie, die in der kommenden Spielzeit 2026/27 fortgesetzt werden soll, waren nur Männer dabei... Daran muss gearbeitet werden!
Die Idee »My Playlist«
Die Idee, die die Bremer Philharmoniker erstmals 2025 mit dem Besuch von Wigald Boning starteten, ist diese: der eingeladene Gast stellt eine Liste - ganz nach dem alten und beliebten Konzept eines Wunschkonzerts - mit Musikstücken seiner Wahl zustimmen, egal welcher Charakteristiken, Klassik, Oper, Operette, Musical, Lied, Rock & Pop, alles ist erlaubt. Die Philharmoniker arrangieren die Wünsche in Partituren, die das Orchester dann live auf der Bühne der Halle 1 des Tabakquartiers spielt, meistens, wie am Abend mit Böhmermann, unter der Leitung von Generalmusikdirektor Marko Letonja.
Böhmis Potpourri
Böhmermann stellte ein sehr ungewöhnliches Potpourri zusammen, womit er wohl niemanden im Publikum überraschte. Es reichte vom Song »The fools who dream« von Justin Elsink aus dem mit sechs OSCARS präsentierten Musicalfilms »La la Land« bis hin zu »Jesu bleibet meine Freude« von J.S. Bach. Gewissermaßen als Ouvertüre eröffneten die Philharmoniker mit dem Song »Showmaster ist mein Beruf«, Text und Musik von Henk Elsink und mit den einstmals Rudi Carrell auftrat, aber auch Böhmermann selbst 2021 in seinem ZDF Magazin Royale (>>> Link). Zu der einleitenden Musik kamen der Gast und der Moderator auf die Bühne und nahmen Platz auf dem mit zwei eleganten, modernen Sesseln und mit einer Wohnzimmerlampe ausgestatteten Podium. Der Leuchtkörper ganz im Stil jener historischen Radio-Wunschkonzerte aus den 1950er und 1960er Jahren »Herr Sanders öffnet seinen Schallplattenschrank« (WDR) von Franz Marszalek; ich selbst bin damit groß geworden...

Böhmermann: »Selten war ich so angefasst auf der Bühne«
In seinem Podcast »Fest & Flauschig« den Böhmermann seit 2016 regelmäßig zusammen mit seinem Freund, dem Singer-Songwriter und Schauspieler Olli Schulz, moderiert, erzählt er in der Ausgabe vom 7. März ganz aufgeregt und begeistert von seinem Auftritt in Bremen. Es sagt so viel über den Abend, dass ich das einfach schnell zum Lesen transkribiere und hier einblende (und hören kann man’s hier auch: >>> Link):
Böhmermann: Ich hatte diese Woche, anders als du, nicht nur schreckliche Erlebnisse, ich hatte ein wahnsinnig schönes Erlebnis und zwar am Dienstag war ich in meiner Heimatstadt Bremen.
Olli Schulz: Hab ich gesehen.
B: Wirklich, also ich, ich war völlig unvorbereitet darauf, was mich da, wie, wie mich das emotional mitgenommen hat. Ich bin eigentlich, weißt du, nicht so ein emotionaler Typ, normalerweise, besonders…
O: Aber ich hab‘ dich schon anders gesehen…
B: Nee du, aber jetzt nicht, wenn die Bühnenlampen an sind. Also auf der Bühne Emotionen bin ich eigentlich ein kontrollierter Mensch, würde ich sagen, aber ich hab wirklich paarmal fast die Fassung verloren. Ich war am Dienstag eingeladen bei der Veranstaltungsreihe Playlist der Bremer Philharmoniker im Tabakquartier in Bremen-Woltmershausen, das ist einfach die Ausweichspielstätte oder die Spielstätte der Bremer Philharmoniker, ein philharmonisches Orchester und die Veranstaltungsreihe ist, es werden Gäste eingeladen, und man schickt vorher einfach 6 Songs, 6 oder 7 Songs von der Playlist und dann werden die arrangiert und von einem Orchester gespielt und ich hab‘ gedacht, okay, das ist jetzt, keine Ahnung, vor einem Jahr zugesagt, der Journalist war…
O: Welchen Song hast du von mir gewählt, von meinen, welchen hast du gewählt, sag, überrasch' mich.
B: Ich überrasch' dich gleich, aber lass es nicht immer…
O: Welchen hast du gewählt von mir? Kannst du ruhig sagen!
B: Ich möchte, ich möchte, deine Geschichten haben ab und zu auch mal ein Aspekt, der mich betrifft und lass mich diesen Aspekt ganz kurz mal eben beleuchten, wie, wie also ein guter Freund von dir, also ich war eingeladen in einer Stadt, die fast so cool ist wie deine Stadt Hamburg, also in Bremen und da, da war'n Orchester, was wirklich fantastisch war und gespielt hat und Axel Brüggemann war der Journalist und es kommt irgendwie Thomas Schaaf, der Ex-Werder-Trainer, war schon da, der hat dann irgendwie so, keine Ahnung, Dein ist mein ganzes Herz und Abenteuerland und und und so sich gewünscht und dann müssen es die Philharmoniker spielen und ich hab, ich hab zum Beispiel mir gewünscht von John Cale ‚Paris 1919‘ oder ‚Live on Mars‘ von David Bowie und hab gedacht, O. K., wenn das 'n Orchester spielt, dann muss ja irgendwas sein, was wo man dann denkt, oh, das war krass, dass es ein Orchester spielt und hab mir dann aber auch, weil ich dieses Wolfsschanze Buch gelesen habe, vor einiger Zeit, Hitlers Zeit in der Wolfsschanze…
O: Oh, interessanter Twist jetzt.
B: Ja, und denn aus diesem Buch hab‘ ich vor allen Dingen mitgenommen, das ist ein wahnsinnig, dass der Führer wahnsinnig Stress hatte. Also Mental Health war damals im innersten Circle um Adolf Hitler kein Thema. Es hätte vieles anders ausgehen können, wenn die ein bisschen mehr auf Mental Health geachtet hätten damals und aus diesem Buch hab ich auch erfahren, dass Hitler als die Russen wirklich, als es alles zusammenbrach, dass er dann, der war ja eh 'n emotionaler Typ natürlich, und das eines seiner Lieblingslieder aus der Operette ‚Land des Lächelns‘ von Franz Lehar, ‚Dein ist mein ganzes Herz‘ ist und dann hab ich mir das danach mal, als nachdem ich es gelesen habe im Buch, angehört und dachte so, what the fuck der Typ, einer der schlimmsten oder der schlimmste Verbrecher in Menschheitszeiten, hat sich so 'ne Scheiße angehört und sitzt dann da weinerlich, während irgendwie die Russen Leningrad befreien und so und hört dann solche Musik und dann hab ich mir einfach so als just for fun auf meine Playlist auch ‚Dein ist mein ganzes Herz‘ von Franz Lehar aus der Operette gewünscht. und dann als es gespielt wurde, kam dann tatsächlich ein Tenor rein, der das gesungen hat.

Lustigerweise meine ganze Verwandtschaft saß natürlich in Reihe 1 und 20 Zentimeter von meiner Verwandtschaft entfernt stand dann dieser Tenor als Überraschungsgast und hat dieses Lied geschmettert und ich saß da auf der Bühne und war wie absolut fassungslos und wirklich echt mitgenommen, weil das total crazy emotional war, nicht nur dieses, dieser Song, alles andere auch, und ich möchte erstmal diesen Song auf die Liste (Anm.: die Playlist des Podcasts) tun, ‚Dein ist mein ganzes Herz‘, von Franz Lehar, ein alter Song und also nicht die Kunst, nicht der Kunst, nein, der der Kunstsong ist schon auf unserer Playlist, aber ich möchte von Franz Lehar eine Operette, und es war wirklich einer der krassesten, eigentlich sollte es mal wirklich eigentlich solltest du, liebe, ey, liebes Team der Bremer Philharmoniker…
O: Nee, nee, nee, nee, nee!
B: Schreib mal Olli Schulz an, nee, weil wirklich, es sind auch, Giovanni de Lorenzo kommt irgendwie nächsten Monat, es ist wahnsinnig geil und das ist ein hundertköpfiges Orchester, was deine Songs spielt und die Arrangements, das ist nicht so ein scheiß Arrangement oder so, sondern es ist unglaublich gut. Du sitzt da und denkst so, Alter, hat sich super angehört, das ist wirklich krass gewesen, hat sich super angehört. also diesen Song möchte ich auf jeden Fall auf die Feeding Bums Playlist packen und ich grüße die Bremer Philharmoniker, es war wirklich ein wahnsinnig toller Abend und ich war selten so angefasst auf der Bühne, hab natürlich mich zurückgehalten, hab natürlich nicht geweint oder sowas, so schlimm war es jetzt nicht, aber es war schon, mir ist warm geworden auf der Bühne, das ist und nicht wegen der Lampen oder so, sondern weil es wirklich echt krass war.
O: Du, eh, wird das irgendwann noch mal ausgestrahlt die ganze Veranstaltung?
B: Eben nicht, einfach nur auf der Bühne, einfach nur an dem Abend, hätte man dabei sein müssen oder eben nicht.
Hier die komplette Playlist von Jan Böhmermann
So hätte sie in etwa ausgesehen, wenn die ganze Veranstaltung so Anfang der 20. Jahrhunderts in einem Programmzettel an die Zuschauer verteilt worden wäre, leider war dieser auch an dem Abend des Auftritts von Jan Böhmermann nicht verteilt worden, schade!

Zurückhaltende Moderation
Abschließend bleibt zu betonen, wie diskret sich der Moderator Axel Brüggemann im Hintergrund gehalten hat, seine Fragen, seine Einwürfe hielt er und blieben den ganzen Abend im Hintergrund. Er überließ Böhmermann in voller Breite das Podium, so er sich selbst doch auch gerne als »Rampensau« gibt.

Böhmermann selbst verhielt sich seinerseits ausgesprochen bescheiden, wurde an manchen Punkten sympathisch persönlich, geizte aber ebenso wenig mit seinem ihm eigenen und so gut wie immer gepflegten Humor. Es wurde viel gelacht, auf der Bühne, sowohl von den Musikern wie von den beiden auf dem Podium, und von den Zuschauern.
All das belohnte das Publikum des Abends mit reichlich Szenen- und langem Schlussapplaus, in den es alle einschloss: Böhmermann, die Bremer Philharmoniker, Letonja, Behle und Brüggemann.
¹ Pusdorf wird im Volksmund der Bremer Stadtteil Woltmershausen genannt, in dem auf dem ehemaligen Fabrikgelände der Tabakfabrik Martin Brinkmann AG, die ihren Betrieb endgültig 2024 ihren Betrieb einstellte, das ‚Tabakquartier‘ liegt und das eine Fläche von gut 20 Hektar umfasst. Das Gelände wurde 2018 vom Immobilienunternehmen Justus Grosse erworben und wird seitdem in ein gemischtes Quartier für Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit umgewandelt. (>>> Link)
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