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Theater auf Rädern

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • 9. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 3 Tagen

8. Mai 2026 · Am Freitag der kommenden Woche, am 13. Mai, hat eine sehr spezielle Aktion des THEATER BREMEN Premiere, sogar eine doppelte, die erste um 17:30, die zweite B-Premiere um 20:00 Uhr. Sie finden in keiner der üblichen Spielstätten des Theaters statt, sondern in einem ---- Autobus. Nicht Essen, sondern Theater auf Rädern heißt die Parole, fasst gleich wichtig zu nehmen. Die Idee: Es handelt sich um eine interaktive Stadtrundfahrt in einem umgebauten Bus, der als mobiler Zuschauerraum dient.  Der Bus fährt entlang der Spuren der sogenannten »Mozarttrasse«, der in den 1970er-Jahren geplanten Autobahn, die mitten durch das Bremer Ostertorviertel führen sollte, aber am Widerstand der Bürger scheiterte. 


Während der Fahrt des Busses können seine Passagiere historische Visionen erleben und künftige Utopien der Stadtentwicklung werden durch filmische Projektionen an den Originalschauplätzen sichtbar gemacht, sodass die Fahrgäste/Theaterbesucher in eine Mischung aus Realität und Fiktion eintauchen. werden.


»Architektur besteht aus Traum, Phantasie, Kurven und leeren Räumen.« Dieses Zitat der irakisch-britischen Architektin und Designerin Zaha Muhammad Hadid (*1950 in Bagdad -2016 in Miami) stellt das THEATER BREMEN gewissermaßen als Motto der neuen unkonventionellen Produktion voran, passgenau für ein Kapitel der neueren Bremer Stadtgeschichte, das heute fast vergessen scheint.


Ganze Stadtviertel sollten untergehen


Bremen in den 1970er Jahren: Die Stadt wächst, der Verkehr nimmt zu, das Auto gilt als Symbol von Fortschritt und Zukunft. Alte Strukturen erscheinen plötzlich überholt. Mit der sogenannten »Mozarttrasse« entsteht die Vision einer gewaltigen Verkehrsachse quer durch die östliche Vorstadt, über die Weser hinweg und mitten hinein in eine neue, autogerechte Stadt. Ganze Häuserfluchten hätten weichen müssen, gewachsene Quartiere wären durchschnitten worden. Eine Zukunftsphantasie, die damals ernsthaft geplant wurde – und die am Ende doch nie ganze Wirklichkeit wurde. Wenn auch einige bauliche Todsünden die Stadt verschandelten und es heute noch tun. Zwei der schlimmsten Gräueltaten: die Hochstraße Breitenweg und der Rembertikreisel.


Wer und welche Interesse entscheiden eigentlich darüber, wie unsere Städte aussehen? Wie viel Mitsprache haben die Menschen, die dort leben? Und welche Vorstellungen von Zukunft bestimmen heute das Denken von Stadtplanern und Politik?


Die Fragen wirken aktueller denn je. Klimawandel, soziale Spannungen und fehlender Wohnraum verlangen nach neuen Ideen. Städte sollen grüner werden, lebenswerter, gesünder – und gleichzeitig offen bleiben für Veränderung und Wachstum.


Das Bremer Videokunstkollektiv Urbanscreen mit seinem nahezu idyllisch gelegenen Standort am westlichen Ufer der Kleinen Weser, in der Alten Schnapsfabrik Jürgen Jürgensen (deren bekanntestes Produkt der knallharte, legendäre Weizenkorn »Alter Senator« war) macht diese historischen und zukünftigen Stadtvisionen in einem besonderen Projekt sichtbar. Während einer Stadtrundfahrt richtet sich der Blick auf das Bremen von heute, auf das, was beinahe gebaut worden wäre, und auf das, was vielleicht noch entstehen könnte. Es geht um Erinnerung, um Zukunft und um die Frage, wie eine Stadt eigentlich träumt.


Das für die Aufführungen genutzte Fahrzeug ist ein mobiler Zuschauerraum, entwickelt und konzipiert vom Rimini Protokoll, dem international renommiertes Regie-Kollektiv, das als Pionier des dokumentarischen Theaters gilt.

 

Die Besetzung der Montage:

Es agieren: Karin Enzler und Daniel Fries · Bühne, Video, Konzeptentwicklung Till Botterweck · Regie, Konzept, Spiel Daniel Fries · Kostüme Katja Fritzsche · Licht Daniel Thaden · Dramaturgie Stefan Bläske



Ich freue mich sehr, dass mir das THEATER BREMEN genehmigt hat, den von Stefan Bläsle auf der Homepage des Theaters zu dem Theaterereignis veröffentlichten Essay HEILIG'S BLECHLE! hier abzudrucken und der in Bezug der neuen Produktion geschrieben wurde. Bläsle ist zusammen mit Alize Zandwijk für die Leitung des Schauspiels des Hauses am Goetheplatz verantwortlich.


HEILIG'S BECHLE!

von Stefan Bläsle



Anlässlich der Spritpreisdiskussionen und zum Probenstart der inszenierten Stadtrundfahrt Die Trasse. Eine Erfahrung plädiert Schauspielleiter Stefan Bläske für Luft statt Lärm, für E statt Öl. Eine Polemik gegen die Fahr- und Stehzeuge in den Städten.


Der Blick auf die Zapfsäule: Ach, du heilig‘s Blechle! Die Deutschen pflegen eine intensive und toxische Liebesbeziehung zum Auto. Kaum klettern die Spritpreise, reden alle über Pendlerpauschalenerhöhung und Tankrabatte, nun senkt die Regierung (temporär) die Steuer auf Diesel und Benzin. Dabei müsste sie sich vor allem für eine grundlegende Reduzierung der Verbrenner einsetzen. Wie viele schöne Wohngegenden und grüne Lungen wurden im 20. Jahrhundert der Ideologie einer „autofreundlichen“ Stadt geopfert. Und wie viele Widerstände gibt es nun, wenn man versucht, die Städte wieder „lebensfreundlicher“ zu machen?



Dabei sind sich in Bremen im Rückblick alle einig: Die Mozarttrasse verhindert zu haben, 1973, übrigens unter anderem mit einer Einwohnerversammlung im Chorprobensaal des Theater am Goetheplatz, das war doch gut und richtig! Das Plattmachen des heute so beliebten Bremer Viertels zugunsten einer mehrspurigen Schnellstraße würde heute niemand mehr wollen. Auch darauf, dass Fahrradfahren gesund ist, für Herz und Kreislauf und die Umwelt, können sich fast alle einigen, und dass es mehr Fahrradwege braucht: breitere, sicherere, auf denen Platz ist für Kinderanhänger, Lastenräder, Drei- oder Vierräder für Menschen, die etwas wackeliger unterwegs sind. Wehe aber, solch ein Radweg macht eine Straße schmaler oder nimmt Parkplätze weg, dann ist der Widerstand schon wieder da.


Bitte Umsteigen


Bei uns im Theater scheint die Welt noch in Ordnung. Neulich bei einem Vortrag über das »braune Erbe« von Firmen und Familiendynastien fragte der Referent das Publikum, wer denn ein Auto von dieser oder jener Firma habe … und niemand meldete sich. Nach der fünften oder sechsten Marke fragte er verzweifelt: „Ja, was fahren Sie denn hier in Bremen?«“ und alle riefen: »Fahrrad!«. Das spricht für unser Publikum, ist aber nicht repräsentativ. Von den 50 Millionen Pkw, die in Deutschland rumstehen, tummeln sich 248.000 in Bremen. Wir blicken häufig über die Blechkarossen hinweg, aber stellen Sie sich Ihren Fußweg zum nächsten Laden oder Kinderspielplatz mal aus der Perspektive eines Kindes oder Menschen im Rollstuhl vor: Dann sehen Sie eigentlich nur Blech! Neue Zahlen zeigen: Die Menschen besitzen mehr Autos, nutzen sie aber weniger. 1,2 Pkw pro Haushalt. Durchschnittlich wird ein Auto jeden Tag ca. 40 Minuten benutzt, das heißt es steht über 23 Stunden unnütz rum. Aufs Jahr gerechnet sind das über 350 Tage! Manchmal in Einfahrten und Höfen, meist im öffentlichen Raum. Da könnte man ja auch seine Waschmaschinen, Rasenmäher und alles, was man sonst nur ab und zu nutzt, in den Zwischenzeiten auf der Straße abstellen. Wahnwitzig ist es, dieses kapitale Besitzenwollen.



Sharing heißt Caring


Das System von Carsharing ist mittlerweile gut entwickelt, einfach, zugänglich und unkompliziert, mit der Option, für jede Fahrt das ideale Gefährt zu wählen, vom Kleinwagen bis zum Transporter. Es wäre für die meisten Menschen deutlich sinnvoller und ja, sogar billiger als ein eigenes Auto, von der Parkplatzsuche ganz zu schweigen. Eines ihrer Fahrzeuge, sagt das Bremer Unternehmen cambio CarSharing, ersetzt durchschnittlich elf private Pkw. Warum braucht es so lange, bis sich dieses System in der Breite durchsetzt? Müsste nicht gerade Bremen Vorreiterin, Vorfahrerin in der Entwicklung zu einer vorbildlichen, gesunden Stadt sein mit weniger Blech und mehr Grün, mehr Sharing und Caring? Und einem besseren öffentlichen Nahverkehr? Zumal es neben den Verkehrstoten, dem Platzverbrauch und der Verhässlichung unseres Lebensraums ja auch noch den Aspekt der Lärm- und Luftverschmutzung gibt.


Der Lärm macht krank, die Luft ist dick


Die Anwohner:innen der Stadtautobahnen sind vermutlich am schlimmsten betroffen, aber es gibt ja viele laute Straßen: die schnellen, die mehrspurigen, die pflasterbesteinten. Lärmforscher und Epidemiologen schätzen, dass in Bremen 300.000 Menschen von Straßenlärm betroffen sind – und dass das krank macht, Einfluss hat auf Bluthochdruck, Schlafstörung, Depressionen. E-Fahrzeuge könnten (neben weiteren Aspekten wie Abhängigkeitsreduktion von Autokratien) helfen, Lärm und Abgase zu reduzieren, die Luftqualität zu verbessern. Denn auch wenn maritimes Wetter Frischluft zuführt: Schadstoffe, Feinstaub und Stickoxide sind nicht zu unterschätzen. Und wie förderlich für Gesundheit und Lebensqualität wäre es, auch in Straßennähe Fenster offen lassen zu können – und durchzuatmen. Wenn also die Nachteile von vielen Verbrennern in der Stadt derart offensichtlich sind, wenn es neue Techniken gibt zu deutlichen Verbesserung: Warum geschieht das nicht oder nur so zögerlich?


Verkehrspolitik als Kulturkampf


Es geht in der Verkehrspolitik ganz ähnlich zu wie bei den Kulturkämpfen um Gendersternchen und Vegetarismus: Die Retrokräfte scheinen so stark, die Besitzstandswahrer so mächtig, den Blick immer im Rückspiegel. Da hofft die bange Politik doch lieber auf einen schleichenden Wandel, will möglichst wenig durch Gesetze und ‚Einschränkungen‘ vorgeben, weil jede ‚Verbotsdebatte‘ wieder Wasser auf die Mühlen der Trumpisten und Rechtspopulisten ist, die den Egoman(n)en einreden, sich für ihre ‚Rechte‘ einzusetzen – jedem seine Karre oder Knarre! Ob sich heute noch jemand trauen würde, die Gurtpflicht einzuführen? Also wird politisch wenig gesteuert, eher gebremst. Soll es doch der freie Markt richten, qua Innovation. Alle wissen, dass das nicht reicht, zu langsam ist. Aber selbst während die Freie-Fahrt-für-freie-Fahrer-Partei FDP auf dem Autofriedhof Rost ansetzt und die Rohöl- und Dieselpreise steigen, traut sich die sogenannte GroKo nicht an ein (temporäres) Tempolimit, wie es in fast allen anderen europäischen Ländern ganz normal ist. Ob wir vielleicht doch noch lernen, das Lenkrad rumzureißen? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber vorher sterben leider weiterhin sehr viele Menschen im Autoverkehr, an der Umweltverschmutzung – und in den (Wirtschafts)Kriegen, die weiterhin auch ums Öl geführt werden. So düster kann es doch nicht sein und enden? Es muss ein anderes Ende geben, muss, muss, muss.


Erstmals veröffentlicht am 15. April 2026 auf www.theaterbremen.de © Theater Bremen, 2026

Nota bene I:

Schade, dass ich meinen Personenbeförderungsschein nicht mehr habe, jedenfalls keinen, der noch gültig wäre. Doch zutrauen würde ich es mir noch, denn mit der Erfahrung meiner Jahre als Gelenkbusfahrer der BSAG in den 70-ern würde ich den Urbanscreen-Zweiachser noch sicher durch Bremen und durchs Ostertor chauffieren können. Da die beiden Premieren lange ausverkauft sind, komme ich aber in den Genuss des Besuchs der Generalprobe. Sollte da dann der Fahrer eine Pause bräuchte, würde ich bereit, ihn abzulösen. Aber viel mehr Lust habe ich, als Fahrgast an dieser ungewöhnlichen Dramatisierung der jüngeren Bremer Stadtgeschichte teilzunehmen. Ich werde berichten.


P.S.: Leider hat es am Ende nicht geklappt, dass ich noch auf einen Sitz der Generalproben-Tour rutschen konnte, darum kann dieser Artikel auch nicht mit persönlichen Eindrücken von der Produktion schließen. So verweise ich erst einmal gerne darauf, was die etablierte Presse und andere Stimmen dazu berichten werden.

Nota bene II:

Eigentlich immer, wenn ich das Wort THEATER schreibe, kommt mir eine Aktion meines Vaters in den Sinn, die mich als Kind schwer beeindruckt hat: wie so manche in meiner Kinderzeit (und wie wohl auch nach wie vor viele, viele Kinder dieser Welt) spielte ich mit großer Leidenschaft mit LEGO-Bausteinen. Damals noch mit einer recht schlichte Auswahl. Es gab eine Schachtel mit einer Reihe von 8-er Steinen, auf denen die Schriftzüge von Läden und Institutionen gedruckt waren, wie SCHULE, DROGERIE, ja, ich erinnere mich auch an einen, auf dem stand KOLONIALWAREN. Und es gab auch eines, auf dem stand TEATER, genauso geschrieben.


Das ging meinem Vater gegen den Strich, und er schrieb an LEGO und beschwerte sich. Ein paar Wochen später kam ein Päckchen mit einem Entschuldigungsschreiben mit einem neuen 8-er Stein, auf dem stand tatsächlich THEATER. Ich war damals sehr stolz auf meinen Vater, und ich glaube, damals war im wahrsten Sinne einer der Grundsteine meiner Eigenschaften gesetzt: meinem latenten Widerspruchsgeist.

Weblinks:

THEATER BREMEN · Die Aufführungen: Link

Rimini Protokoll: Link

Videokunstkollektiv Urbanscreen: Link

Zur Geschichte der Mozarttrasse · Weser-Kurier 07/2016: Link

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info

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