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Klaus Johannes Thies · Wie sich das anhört

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • 4. März
  • 4 Min. Lesezeit
Gerhard-Marcks-Haus
Gerhard-Marcks-Haus

4. März 2026 · »Klaus Johannes Thies · Wie sich das anhört. Drei Worte, die alle mit 's' aufhören, was mir noch nie aufgefallen ist.« So genügsam porträtiert sich der in Wuppertal geborene, in Bielefeld aufgewachsene und heute in Bremen und Berlin lebende Schriftsteller Klaus Johannes Thies selbst in einem seiner kurzen, prägnanten Texte mit dem Titel »Der Rest von mir« (aus »Tango ohne Argentinen«). Und in der gleichen Bescheidenheit geht das Zitat so weiter: »Ich sitze in einem Zimmer, irgendwo auf der Welt. Wenn man später hinzukommt, kann man das wahrscheinlich gar nicht verstehen. So wie bei Filmen, die schon angefangen haben.«


Diesen insgesamt auch nur zwanzig Zeilen des pieces trug Thies auch gestern Abend vor. Er war zu Gast im Bremer Gerhard-Marcks-Haus (GMH) und las vor dem recht zahlreichen und durchaus amüsierten Publikum aus seiner neuesten Publikation, die der in Bielefeld ansässige Aisthesis Verlag als Band 147 in seinem Imprint Nylands Kleiner Westfälischen Bibliothek in einer sehr gefälligen, obendrein wohlfeilen Ausgabe herausgebracht hat.


Der Direktor des GMH, Arie Hartog, begrüßte mit sehr herzlichen, durchaus persönlichen Worten seinen Gast, denen man sicher umfangreiche Authentizität attestieren kann, denn die beiden, Hartog und Thies, verbindet eine langjährige Freundschaft. Präsentiert wurde der Abend als eine Bremer BuchPremiere des Literaturhauses Bremen.


microcuento / microrelatos / microcomtes / flash fiction / sudden fiction / microfiction / micro-story, postcard fiction / prosetry


In der spanischen, italienischen, in der brasilianisch-portugiesischen, in der englischsprachigen in sehr vielen Variationen gibt es diese Gattung der Mikrotexte in deren Literaturen und hat eine schon recht lange autonome Geschichte. Gerade im Spanischen war einer ganz frühen und großen Meister Jorge Luis Borges (*1899 in Buenos Aires; † 1986 in Genf). Ich arbeite mal mit dem Begriff Mikrotext weiter: seine Eigenarten zeichnen sich durch eine extreme Verdichtung aus, die in der Lage sein kann, philosophische Abgründe auf engstem Raum zu eröffnen. Sie sind weniger kurze Erzählungen als vielmehr Gedankenspiele, extreme Kürze und Präzision sollen sie auszeichnen, Handlungen, Ereignisse auf einen absoluten Kern reduzieren, oft nur einen Absatz oder wenige Zeilen lang.


Und in dieser Kategorie kann Thies in der zeitgenössischen Literatur durchaus als ein Meister betrachtet werden. Nicht sehr viele deutschsprachige Autoren und Autorinnen schreiben in diesem Genre, obwohl man die kurzen Texte eines Robert Walser oder eines Bertolt Brecht (»Geschichten vom Herrn Keuner«) gut dazu platzieren könnte.


Das Lesebuch


Die Ausgabe, aus der Thies gestern las, wurde von dem Lektor Hanns-Martin Rüter zusammengestellt (»Ein sehr, sehr guter Lektor« - Zitat /Thies / gestern Abend!) und auch mit einem dreiseitigen Nachwort ausgestattet. Den ersten Teil des Buches macht eine Auswahl von Texten aus Thies' bislang erschienenen sechs Publikationen aus: »Unbedingte Zunahme«, »Schurmurr«, »Die Dunkelkammer unter dem Rock«, »Unsichtbare Übungen«, »Aus meinem Fenster« und »Tango ohne Argentinien«.


Der zweite Teil ist überschrieben mit »Aus dem Archiv« und bietet damit 47 bislang nicht in Buchform erschienene Mikrotexte, eine gelungene Zusammenstellung.



Es waren um die fünfzehn Geschichten, die Thies am Abend vorlas, es wird wohl niemand mitgezählt haben, es war genau das richtige Maß, plus eine durch eine Zuschauerin gewünschte Zugabe, mit dem Titel »Dieser schöne Opel Kapitän«:


»Es ist gut, immer noch gut, aus dem Fenster zu sehen, nach so vielen Jahren. Und genau deswegen guckt man da raus. Sonst könnte man ja auch auf die Wand sehen. Oder auf einen Corot. Als würde man darauf warten, dass da unten ein Auto anhält, dass sich die Türen öffnen, und die, die darinnen schon so lange saßen, die mit uns verwandten, aussteigen und trotz der langen Fahrt uns gleich wiedererkennen. Und tatsächlich steht da unten in der Ravensberger Straße dieser schöne Opel Kapitän.»



Special Wish


Manche Leser meines Blogs wissen um meine Freundschaft zu dem Autor (siehe hier), und so hatte ich vor der Lesung per WhatsApp bei ihm angefragt, ob er mir einen Wunsch erfüllt. Diese Mail hatte er aber nicht mehr vor dem Abend gelesen, so trug ich sie ihm mündlich vor dem Beginn der Lesung vor, die Geschichte steht in dem Lesebuch auf Seite 127. Um sie nachzulesen, müsste man das - wie gesagt, wohlfeile - Bändchen (€ 10,00 für 159 Seiten) und heißt: »Auf nach Wladiwostok«. Begründet hatte ich meinen Wunsch mit diesen Worten:


»Weil Du da durch die Kornstrasse nach Huckelriede fährst, wo ich doch gross (?) geworden bin. Buntentorsteinweg 578. Das Haus steht noch. Und das Fenster meines Jungszimmer in der Mansarde guckt auch noch auf die Bossdorfstrasse, das Fenster, aus dem ich nachts immer in die Dachrinne gepinkelt habe, weil es da oben kein Klo gab. Das lag in unserer Wohnung im Erdgeschoss, zwei Etagen tiefer.«


So daneben gegriffen war mein Wunsch offensichtlich nicht, Thies hatte ihn sowieso für den Abend vorgesehen...


Bisweilen zu leise


Als gewisses Manko empfand ich als in der dritten Reihe sitzender, trotz seines Alters noch nicht von Hörverlust heimgesuchter Zuhörer des Abends (76), dass Thies ohne akustische Assistenz per (Headset-)Mikro lesen musste. Da gingen manche Halbsätze gerade in seinen freien Texten zwischen den Stücken verloren. So schön und angemessen für Lesungen der Große Skulpturensaal des Gerhard-Marcks-Hauses* von seiner klaren klassizistischen Atmosphäre ist, hat er klangliche Schwächen. Wie gesagt, die Thies-Texte selbst waren gut zu vernehmen, aber eben die dazwischen fielen akustisch zu schwach aus.


Der Umbau der ehemaligen Ostertorwache zum GMH um 1970 lag damals in den Händen des Bremer Architekten Bert Gielen, der gut befreundet mit Gerhard Marcks war. Auch den Umbau des gegenüberliegenden sogenannten Detentionshauses zum Wilhelm-Wagenfeld-Museum hatte Gielen verantwortet. Leider findet man nur sehr wenige Hinweise im Internet auf diesen für Bremen nicht ganz unwichtigen Architekten. Das GMH verweist auf seiner Homepage zwar mit einigen Sätzen auf ihn hin (siehe hier), aber er verdiente sicherlich einen Eintrag in Wikipedia oder im Architekturführer Bremen.

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info

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