Zu Gast in Bremen: Ernst-Johann »Ernie« Reinhardt
- Guenter G. Rodewald

- vor 3 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen

30. März 2026 · Ernst-Johann »Ernie« Reinhardt war vergangenen Samstagabend zu Gast in Vegesack im KITO. »Das kann nicht sein«, wirft mir jemand zu, während ich dieses schreibe, und er mir dabei über die Schulter zusieht. Und korrigiert mich: »Was schreibst Du denn da? Ich war doch gestern auch im KITO, das hat doch nur die eine Bühne, und auf ihr hatte ihren Auftritt Lilo Wanders, die ich - ich meine, genau wie Du - kenne, aus der Zeit, als sie ihre Show ‚Wahre Liebe‘ mit Themen zur Sexualität im TV-Sender VOX von 1994 zehn Jahre lang moderierte?«
Natürlich hat der Zwischenrufer recht. Der Abend war von dem Kultur- und Veranstaltungszentrum in Bremen-Vegesack auch genau so angekündigt: »Lilo Wanders · ‚‘Waren Sie nicht mal Lilo Wanders?‘ Das Programm mit dem Fragezeichen« und so trat am Samstag Punkt 20 Uhr auch jene Person auf, die wohl das halbe Land unter dem Namen Lilo Wanders kennt.
Ein aufregendes Leben
Im Gepäck brachte sie die Erinnerungen mit, die sie zu ihrem 70. Geburtstag im vergangenen September im Münchner Goldmann Verlag als Buch publiziert hat und das einen großen Erfolg verzeichnen kann, sowohl bei den Lesern, wie es aber auch in nahezu allen Print-, Radio-, TV- und Social-Media-Formaten auf umfassende Beachtung traf.
Die Zusammensetzung des Publikums im KITO gab sicher recht exemplarisch die Gruppe wieder, der Lilo Wanders viel aus früheren Jahren ein Begriff ist, siehe denen der von Wa(h)re Liebe, aber es ist ihr darüber hinaus bis heute gelungen, präsent zu bleiben. Und natürlich ist sie denen sehr vertraut, die sie aus dem Milieu der Hamburger schwulen Kulturszene kennen und lieben, um Corny Littmann herum, mit Lilo zusammen Gründer des Schmidt Theater im früheren ‚Zillertal‘ am Spielbudenplatz, der Schauspielerin und Diseuse Georgette Dee, den Pianisten Terry Truck und vielen mehr.
Lilo gleich Ernie?
Lilo ist auch Ernie, der mit vollem offiziellen Namen Ernst-Johann Reinhardt heißt, und in Lilo schlüpft, wenn sie spielt, auftaucht, aber nun unter seiner ausdrücklichen Autorenschaft Lilos/Ernies Erinnerungen geschrieben hat.

So ging es mir den ganzen Abend durch den Kopf, ob es nicht noch eindringlicher hätte sein können, wenn tatsächlich Lilo als Ernst-Johann »Ernie« Reinhardt aufgetreten wäre. Er hätte ihre gemeinsame, seine und Lilos Geschichte wohl noch viel dichter erzählen können. Ich glaube auch, beklemmender. Und wenn man dann ganz eng neben Lilo steht, wird man gewahr, wie kompakt aufgetragen ihr Make-Up ist, ganz zu schweigen von der massiven Wolke ihrer Perücke. Dahinter habe ich Ernie nicht gesehen.
Denn Lilo/Ernie haben eine spannende Biografie zu erzählen, gerade aus ihren Jahren in den Dörfern und Kleinstädten in und um die Lüneburger Heide, wo sie und er aufwuchsen. Also die Jahre, die uns alle, die wir erkannten, dass wir Jungen und Männer liebten, aber - noch unter der kriminalisierenden Drohung des Paragraphen 175 - unsere Identität verstecken mussten und sie bestenfalls nur in der Subkultur entfalten konnten.
Seine/ihre Jahre des Coming-Outs und der sexuellen Befreiung aus den Fängen und Zwängen des bäuerlichen und kleinbürgerlichen Hinterlandes ihrer Kindheit und Pubertät, die Ernie/Lilo dann über seine/ihre relativ kurze Zeit in Bremen, aber dann so richtig heftig in Hamburg im Zusammenhang mit dem Clan in und um das Schmidt Theater gelingen konnte. Um endlich ihre Sexualität, ihre Lust zu Männern ohne Einschränkungen leben und genießen zu können.
Der Abend mit Lilo gestern, das war keine Bühnenshow der legendären Lilo Wanders, also ihrer Bühnenidentität, sondern eine sehr intime und ehrliche Lebensbeschreibung eines sehr bewegten, sehr aufregenden, oft genug auch mit Schwierigkeiten, Zwängen, elterlicher Gewalt konfrontierten Biografie.
Where ist Ernie and where ist Wilfried?
Ich habe an dem Abend immer wieder gedacht, warum sitzt da nicht Ernie auf dem Barhocker auf der Bühne. Ich hätte ihn gerne kennengelernt, also ohne Kostüm und Maske. Parallel dazu auf die Bühne geworfene Bilder von Lilo und ihrer Geschichte, wie sie in ihrer Biografie zu lesen sind, hätten das alles genauso, nein, ich bin sicher, noch viel eindringlicher darstellen können.

Aber Lilo, versteh‘ mich richtig, der Abend hat richtig viel Spaß gemacht, ich habe mich durchaus amüsiert, wie wohl das ganze Vegesacker Publikum, auch wenn Du mir nicht weiterhelfen konntest, bei meinen Recherchen nach jenem wunderschönen jungen Mann, den ich damals in den späten siebziger Jahren in der Schwulen-WG in der Hafenstraße kennengelernt hatte und mit dem ich mein persönliches, endlich alle meine jahrelang aufgestauten Hemmungen sprengendes Coming-Out erlebte.
Wilfried hieß er, Du meintest, nur einen Wilfried, der es sein könnte, hättest Du gekannt, aber (warum sagtest Du aber?) der sei ein Sannyasin gewesen. Er wäre – das wirst Du auch wissen – nicht der erste oder einzige schwule Sannyasin gewesen in Hamburg und in der Welt.
Liebe Lilo, lieber Ernie, ich wünsche Euch beiden alles Gute, auf bald mal wieder, hoffe ich. Vegesack und ich halten Euch beide in bester Erinnerung.
Nachtrag: Heute erschien in DIE NORDDEUTSCHE, dem Stadtteil-Beiblatt des Bremer WESER KURIER eine sehr lebhafte Rezension des Abends im KITO. Und ich habe mich gefreut, dass die Kritikerin Jana Barkei meine Suche nach Wilfried ausführlich auch in ihrem Beitrag erwähnte. Ich erlaube mir, sie zu zitieren:

Publikumsfragen mit Tiefgang
Im zweiten Teil ihres Abendprogramms wird deutlich, wie viel es den anwesenden Personen aus Bremen-Nord und umzu bedeutet, dass Lilo Wanders an diesem Abend im Kito auftritt und aus ihrem langen Leben als Schrille und liebenswerte, queere Person erzählt. Besonders für anwesende Personen aus der queeren Gemeinschaft. „Queer“ ist ein geschlechtsneutraler Begriff für das gesamte Spektrum sexueller Orientierungen und der Geschlechtsidentitäten. Sie liest Fragen aus dem Publikum vor, die in die Tiefe gehen. Besonders die eines älteren Mannes: Ob Lilo Wanders sich an einen Wilfried aus den 70er-Jahren erinnern könne, der in ihrer Nähe (Anm. in einer Schwulen-WG in der Hafenstraße) gelebt habe. Damals hatte er mit ihm sein Coming-out und wolle ihn wiedersehen, falls er noch lebe. Man spürt die Jahre des Wunderns und der Erinnerung eines so der derart prägenden Moments im Leben eines damals noch jungen homosexuellen Mannes. Eine Erfahrung, deren Äquivalent mit ihrer Größe, Schwere und Bedeutsamkeit im heterosexuellen Leben schlichtweg nicht existiert. Lilo Wanders kann bei der Suche nach Wilfried nicht helfen, aber sie antwortet: „Schön, dass du da bist.“ Nicht nur eine einfache Begrüßung. Altes homosexuelles Leben ist heutzutage eine Besonderheit. Schließlich starben viele Männer damals an Aids – Leben, das heute fehlt.
Vielleicht wird meine Suche nach Wilfried doch noch erfolgreich ausgehen...

Ernie Reinhardt
Waren Sie nicht mal mal Lilo Wanders?
Licht und Schatten auf der Bühne meines Lebens
272 Seiten · Mit farbigem Bildteil · € 20,00
Goldmann Verlag, München 2025
Weblinks:
Reaktionen:
»Danke, lieber Günni - auch Danke an Jana Barkei vom Weser-Kurier.« - Lilo Wanders, Entertainerin
Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info




Kommentare