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Oh, Du mein Heiliger!

  • Autorenbild: Guenter G. Rodewald
    Guenter G. Rodewald
  • vor 4 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit

11. Januar 2026 · Dieses ist wohl neben diversen Rezensionen gedruckter oder auf Bühnen oder in Konzert aufgeführten Ereignissen die erste, in der ich einen Podcast vorstelle, obwohl ich diesem Medium seit seinen frühen Zeiten reichlich hörig bin. Gerne gehört von mir vor oder zum Einschlafen, beim Aufwachen in umgekehrter Reihenfolge. Oder auch in ausgedehnten Anhörungen während meiner siestas. Von einem, von dessen Folgen einschließlich seinem Trailer ich bis heute keinen ausgelassen habe und der im April 2025 startete, will ich heute schreiben.


Man mag sich wundern, wer mich näher kennt, weiß, dass ich grundsätzlich und gänzlich verschont bin von irgendeiner Religion, wenn ich mir auch bewusst bin, dass mich die lutherische Umgebung einer Hansestadt wie eben eine Stadt wie Bremen, in der ich geboren und aufgewachsen bin, und ihre ökumenische Kultur mich natürlich mitbestimmt hat.


Kurzes Abschweifen


Dazu gehörte der Stolz, den man empfand, wenn der Musiklehrer der Schule, die ich besuchte, Paul Schönwetter, traditionell seine singenden Knaben an den Kantor an der St.-Petri-Domgemeinde in Bremen und damit auch den Leiter des Bremer Domchores verkuppelte, wenn dort eine der großen Bach-Passionen, die des Matthäus oder seltener die des Johannes, aufgeführt wurden. Zu der Zeit, von der ich berichte, es sind die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wurde jedes Jahr zu Ostern, bzw. an Karfreitag die ‚Matjes-Passion‘ gegeben wurde, wie mein Vater dieses respektlos, aber mit dem ihm eigenen Humor monströse und immer wieder umwerfende Bach-Oratorium gerne betitelte.


Zweimal durfte ich mitsingen, die zwei Knabenchöre zu Anfang der Passion »O Lamm Gottes« und am Ende des ersten Teils mit »O Mensch, bewein dein Sünde gross«, zu Ostern 1961 und 1962. Was war man stolz, da oben auf der Orgelempore der Sauer-Orgel (Link), unten im faszinierenden Kirchenschiff saßen die Eltern, die waren sicher noch stolzer, mein Vater auf den Knien und ihn mitlesend, den Klavierauszug der Passion in einer Ausgabe von C.F.Peters, Leipzig von 1908, als seine Mutter, meine Großmutter Wilma Rodewald, geb. Poppe, in den zwanziger Jahren im Bremer Domchor mitsang, natürlich auch dieses Stück.


Soweit meine recht knapp bemessenen Aufenthalte in einer Kirche, denn meine Eltern waren in jenen Jahren aus der Kirche ausgetreten, als sich das zum Beweis einer ideologiegerechten NSDAP-Mitgliedschaft gehörte. Immerhin sind sie nach 1945 nicht opportunistisch wieder eingetreten. Aber so wuchs ich ohne Taufe und auch ohne Konfirmation auf - in meiner Schulklasse als einziger neben zwei katholischen Mitklässlern - also auch ohne Geschenke wie all die anderen reichlich bekamen…


Bach hat’s mir angetan


So hat‘s mir aber der Bach mit seiner Musik angetan und mir die Welt der Klassischen Musik geöffnet. Bald auch die Welt der Oper, als ich weiter am Theater in Puccinis »Turandot« auch im Knabenchor mitsingen und die weiteren Jahre bis zum Abitur in vielen Operninszenierungen als Statist mitspielen durfte. In jenen Jahren machten wir mit den Eltern immer wieder im Sommer Reisen nach Süddeutschland, und dort haben mich die Besuche in katholischen Kirchen fasziniert, die Bauwerke, wie diesich dort abspielenden Liturgien. Aber dennoch blieb ich der Atheist, der ich heute noch bin.


Der richtige Podcast für mich


Im vergangenen Frühjahr erlebte man den Tod – nur um drei Tage den Karfreitag verpassend – von Papst Franziskus am Ostermontag, dramaturgisch hätte sich das kein Dramatiker besser ausdenken können, zumal der arme Mann sich noch am Tag zuvor den Besuch des US-Vizepräsidenten und radikal-ultrakonservativen Katholiken und Konvertiten JD Vance gefallen lassen musste. Es muss kurze Zeit davor gewesen sein, dass ich den sehr spannenden und mit einem überraschenden Ausgang endenden Film »Konklave« von Edward Berger mit dem faszinierenden Ralph Finnies in der Rolle des Dekans des Kardinalkollegiums und mit Isabelle Rossellini in einer wichtigen Nebenrolle gesehen habe. Und damit mit dem ganzen Spektakel, den eine Papstwahl beinhalten kann, bis irgendwann der weiße Rauch aus der Sixtinischen Kapelle steigt..


Der goldene Griff ins Volle


Und nun konnte man ganz kurz nach dem Tod vom Francesco via einem Podcast eine »echte« Wahl eines neuen katholischen Pontifex Maximus in den Medien beiwohnen, und der deutsche Autor, der vielleicht der allerbeste Kenner der vier Päpste ist, die er während seiner Zeit als Journalist kennenlernen konnte und durfte - nämlich Johannes Paul II, Benedikt XVI, Franziskus und nun Leo IVX - griff zu und schuf den Podcast mit dem verlockenden Titel - es war Andreas Englisch -»Vatikangeflüster · Der Andreas Englisch Podcast · auch für Atheisten«, erschienen bei Porkum Publishing.


Wer konnte dafür geeigneter sein? Seit über 40 Jahren war Andreas Englisch der deutsche Vatikanreporter par excellence, angefangen hatte er seine journalistische Laufbahn in unserem hohen Norden. Erst als Deichreporter bei der Bergedorfer Zeitung und danach als Redakteur bei der Hamburger Morgenpost. Dann wurde er mit 24 Jahren vom Axel-Springer-Verlag als Korrespondent nach Rom geschickt, ohne dass er auch nur ein Wort Italienisch sprach. Heute ist er eingefleischter Römer, kennt die Stadt, seine Bewohner und eben den Heiligen Stuhl wie seine Westentasche und wie kaum ein anderer. Und seine auffällige Lust, davon die Umwelt mit seiner Person und seiner effektvollen Medienpräsenz, in Kenntnis zu setzen, tut und leistet dabei das ihre.


So gut wie live dabei beim Konklave


Er startete seinen Podcast inmitten der Vorbereitungen des Konklave post francescem und berichtete von der Wahl quasi live davon, fast wie ein Sportreporter, der er übrigens ursprünglich auch einmal werden wollte. Die zweite gute Idee (er ist halt ein Fuchs!) war, dass er sich an seine Seite als zweiten Host (sagt man Hostin?) eine Kollegin, eine ebenso gestandene Journalistin, von gleichem Kaliber, wie er einer ist, holte. Nämlich die u.a. für Der Spiegel, ZEIT ONLINE, emotion und Eltern schreibende, 1975 in Bremen geborene (jawoll!) aufgewachsene Journalistin Heike Kleen, die zudem Autorin für Talkshows der ARD, des ZDF und des NDR ist. Sie fragt immer neugierig bis unschuldig nach, Fragen hat sie viele, sie groß geworden unter dem Einfluss der bisweilen staubtrockenen evangelischen Konfession des am Nordgeorgsfehnkanal liegenden 3400-Seelen-Dorfes Remels. Das prädestiniert sie als ebenbürtige Partnerin für den immer quicklebendigen Englisch, der fast so schnell spricht wie Heidi Reichinnek von Die Linke. Die beiden: ein Pax de deux eines Podcasts.

 

Jede Woche was Neues


Der Podcast geht im wöchentlichen Rhythmus online. Dabei berichtet er einmal immer von News aus dem Vatikan, klärt über Skandale der Kirche aus, viel von der Geschichte, den Mythen des Vatikans. Inzwischen ist er der Folge #055 angelangt, die #53, die vom 25. Dezember, dem Ersten Weihnachtstags wurde aber unüberhörbar der bisherige Höhepunkt, jedenfalls für Englisch selbst, denn der neue Papst hatte ihn und seine Ehefrau Kerstin zu einer Privataudienz eingeladen, sogar in seine Privatwohnung im Palacio, eine fast einmaliges Ereignis. Normalerweise dauern diese Privataudienzen nicht viel länger als eine Viertelstunde. Leo wollte die beiden gar nicht mehr gehen lassen, über eine Stunde waren sie seine Gäste. Aber hören Sie einfach selbst, sie bekommen den authentischsten Andreas Englisch zu hören, den er bieten kann, wie ein kleines Kind freute er sich. (Siehe unten in den Weblinks)


(K)ein Hofberichterstatter


In keiner Weise verfällt dieser Podcast in eine vatikanhörige Hofberichterstattung, kein Rolf Seelmann-Eggebrecht des Vatikan kommt hier zu Wort. Es ist Englischs Geheimnis, wie er zwar ein loyaler Berichterstatter ist, der durchaus auch kritischer Beobachter der vatikanischen Politik ist. Verschweigen, vertuschen tut er seine eigene Konfession auch nicht, aber hält in keiner Weise damit zurück, dass jeder Hinz & Kunz der Kurie ihn wie einen bunten Hund kennt, und eben auch umgekehrt. Das ist Englischs großes Kapital nach seinen mehr al 40 Jahre als Korrespondent aus dem kleinsten Land nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt, mit seinen 0,44 Quadratkilometern.


Dennoch hat man nie den Eindruck, dass er deswegen seinen Job als objektiver Journalist verleugnet, gut, manchmal schlägt er über seine Stränge seiner ihm eigenen Erzähllaune, dann zügelt ihn aber zuverlässig aus ihrem Moderatorinnen-Bremserhaus Heike Klemm und er kommt wieder auf die angebrachte Reisegeschwindigkeit der Audio-Tour durch den Vatikan.



Das Resümee I


Ein hoch amüsanter Podcast mit viel Informationen über die Geschichte des angeblichen Stuhls des Apostels Petrus, die skurrile, die unglückselige bis verbrecherische Politik und seine diversen Diskriminierungen und Vorurteilen, die nach wie vor von großen Teilen des Klerus und der Kurie »gepflegt« werden. Auf mehrere tausend Hörer kann das Vatikangeflüster mittlerweile zählen und wird wohl noch viele Folgen haben. Denn nach wie vor gibt es viel aus der klerikalen absolutistischen Wahl-Monarchie zu berichten und kolportieren, mit seinen um die 1,4 Milliarden Untertanen in aller Welt, 15 ½-mal so viel wie die Einwohnerzahl Deutschlands. Und Englischs Wissensschatz über den Vatikan und die ganze Stadt Rom scheint grenzenlos zu sein. Und seine Erzähllaune und sein Humor kennen ebenso wenig Grenzen.


Das Resümee II


Natürlich muss Englisch achtgeben, und ich will hoffen, dass seine eindeutig spürbare und ausgesprochene Sympathie zu Leo XIV nicht eine kritische Analyse unterlässt, zu der er ja in der Lage ist, wie der Podcast, aber auch seine Publikationen in der Lage sind zu zeigen. Denn Leo XIV hat in der Audienz und in seiner ersten Neujahrsansprache an das am Vatikan akkreditierten Diplomatischen Korps Verwirrung gestiftet, als er dieses sagte:


»Es ist daher bedauerlich festzustellen, dass insbesondere im Westen der Raum für echte Meinungsfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, während sich eine neue Sprache mit orwellschem Beigeschmack entwickelt, die in ihrem Bestreben, immer inklusiver zu sein, darin mündet, diejenigen auszuschließen, die sich nicht den Ideologien anpassen, von denen sie beseelt ist.«


Verwirrend für mich. Bin sehr gespannt, was oder ob Englisch und Kleen etwas dazu sagen, wenn der Podcast #056 am Donnerstag dieser Woche online geht. 


Weblinks:

  • Homepage · Andreas Englisch: Link

  • Andreas Englisch zu Besuch bei Leo XIV daheim: Link

  • Homepage · Heike Kleen: Link

  • Podcast · Vatikangeflüster: Link

  • Andreas Englisch zu Besuch beim NDR: Link

  • Neujahrsansprache · Papst Leo XIV: Link

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info

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