Professionell!
- Guenter G. Rodewald

- 15. Feb.
- 6 Min. Lesezeit

15. Februar 2026 · Von wegen Amateurtheater! Diesem Genre hängt gerne und leicht nach das Odeur an, dass es sich laienhaft präsentiert, zwar gut gemeint, aber eben eher unvollkommen. Aber immer wieder aber gelingt es solchen nicht-professionellen Ensembles auf der Bühne berufsmäßig agierenden Kollegen durchaus das Wasser zu reichen. Genau das gelang gestern in bester Manier Anni Bulcke und Martin Mader des Statt-Theaters-Vegesack in der szenischen Lesung des Briefromans »Adressat unbekannt« von Katherine Kressmann Taylor (1903 - 1996) auf der Studiobühne des Gustav-Heinemann-Bürgerhauses in Bremen Vegesack.
Obwohl es sich in dem kurzen Roman, besser: der Novelle, um zwei Männer handelt, die sich schreiben - der im November 1932 aus San Francisco, California nach Deutschland, nach München zurückkehrende Martin Schulse, wie sein in den USA lebender Geschäftspartner, sehr enger Freund und aus einer jüdischen Familie stammende Max Eisenstein - stört es in keiner Weise, dass hier in Vegesack die Briefe von zwei Darstellern verschiedenen Geschlechts vorgelesen werden - Max eben von Anni Bulcke und Martin von Martin (!) Mader. Im Gegenteil, es spitzt sich dadurch noch zusätzlich die sich von Brief zu Brief zunehmende Distanz zwischen den einstmals besten Freunden zu.

Denn Martin kann sich drüben in München - die Autorin lässt ihn sich sicherlich sehr bewusst in jener sogenannten »Hauptstadt der Bewegung« niederlassen - sehr rasch mit den neuen politischen Verhältnissen anfreunden, die sich im Galopp nach Hitlers Berufung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 durch den Reichspräsidenten von Hindenburg ereignen. Bis hin zum fatalen letzten, tödlichen ausgehenden Zusammentreffen mit Max' Schwester Griselle, einer Schauspielerin, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von Schergen der SA verfolgt und ermordet wird. Umso grausamer für Max von dem Schicksal seiner Schwester und dem feigen Verhalte von Martin zu erfahren, weil Griselle einmal die Liebespartnerin seines Freundes gewesen war.
Brief um Brief steigt die Spannung
So verändert sich die Korrespondenz, sei sie per Brief, Telegramme oder Kassiber hin und her geht, von langen, nahezu schwärmerischen und intimen Briefen zu immer kühleren und kürzeren Wortwechseln. Im seinem allerletzten Brief an Martin spricht Max ihn immer noch mit »Martin, mein lieber Bruder« an und schließt ihn zwar noch (in gewisser Hoffnung?) mit den Worten »Der Gott Mosis stehe Dir zur Seite« ab, unterschreiben tut er diesen Brief an Martin nur noch mit seinem jüdischen Familiennamen Eisenstein...
(Der Gott Mosis ist in der jüdischen Religion der eine, universelle Schöpfergott, der sich als Befreier aus der Sklaverei des jüdischen Volkes gezeigt hat.)
Dieser letzte Brief kommt dann aber mit dem dem Stück den Titel gebenden Vermerk »Adressat unbekannt« in die USA zurück. Was das zu bedeuten hat, lässt der Roman und der Theaterabend offen.
Kressmann Taylor gelingt es meisterhaft, in ihrem kurzen Briefdialog zwischen den zwei Freunden, der insgesamt nur aus neunzehn gegenseitigen Zuschriften besteht - der erste von Max an Martin vom 11. November 1932 bis zum letzten, ebenfalls von San Francisco nach München, mit Datum vom 3. März 1934 - darzustellen, in welch rasanter Geschwindigkeit sich Deutschland von einer parlamentarischen Demokratie in eine brutale, antisemitische Diktatur verwandeln konnte. Kommt uns da nicht etwas aus unseren Zeiten bekannt vor?
Die Darsteller: meisterlich
Beide Darsteller haben den beiden Protagonisten der Korrespondenz klare, deutliche, sehr persönliche Stimmen verliehen. Auch in den Momenten, in denen jeweils der oder die andere las, hat sich die/der nicht lesende diskret mimisch mitgeteilt, so dass auch darstellerisch zwischen den beiden ein dramatisches Spiel stattfand.
Es war seitens der Dramaturgie des Abends eine richtige Entscheidung, den gesamten Text von Kressmann Taylors Briefroman (Übersetzung: Dorothee Böhm) ohne Kürzungen vorzutragen. Es handelt sich in der deutschen Ausgabe von Hoffmann und Campe auch um nur, dazu groß gesetzte sechzig Seiten. Ausgenommen bei den jeweils allerersten Briefen von Max und Martin wurden bei allen die Briefköpfe und Adresszeilen beim Vorlesen ausgelassen, nur die Daten wurden erwähnt. So dauerte die gesamte Vorstellung nur eine gute Stunde. Das war aber genau das richtige Format und Maß. So dauerte es auch eine spürbare Weile, bis das Publikum seinen intensiven Applaus bekundete. Die Geschichte geht und ging unter die Haut.
Die Publikationsgeschichte von »Adressat unbekannt«
Die Geschichte um den Text von Katherine Kressmann Taylor verdient besondere Erwähnung: die Autorin hat ihn 1938 erstmals in der US-amerikanischen Zeitschrift Story publiziert. Der Verleger des Magazins Whit Burnett und der Ehemann der Autorin Elliott Kressmann Taylor hatten damals allerdings vorgezogen, den Briefroman unter dem Pseudonym Kressmann Taylor zu publizieren, also eines Mannes, da sie den Inhalt „für zu heftig empfanden, um das Buch unter dem Namen einer Frau erscheinen zu lassen“. Die Publikation erregte allerhöchste Beachtung, wurde sofort vom Reader’s Digest nachgedruckt und verkaufte deren 50.000 Exemplare dieser Ausgabe in einem Schluck. Ein Jahr später brachte der Verlag Simon & Schuster, New York die Buchversion heraus, nun aber schon unter dem authentischen Namen der Autorin.
Insgesamt wurde das Werk in mehr als 20 Sprachen veröffentlicht. In Deutschland war es wegen seines unmissverständlich gegen das NS-Regime gerichteten Inhalts natürlich verboten, erschien aber auf Deutsch in den 40er Jahren in einem Exilverlag in den Niederlanden. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht, kam es dort jedoch sofort auf den Index. Eine andere deutschsprachige Edition erschien in einem weiteren Exilverlag in Moskau. In Deutschland selbst kam es aber erst sehr spät auf den Markt, im Jahre 2000 bei Hoffmann & Campe.
Für sinnvoll hätte ich es befunden, wenn eine dritte Person als Auftakt zu der Lesung dem Publikum etwas zu dieser ungewöhnlichen Entstehungs- und Publikationsgeschichte der Briefnovelle ein paar Worte gefunden hätte. Das hätte den Blick auf das Werk der Autorin noch verschärft. Nachlesen kann man dazu sehr viele Details in den fast 40 Seiten des Nachworts in der deutschen Ausgabe (siehe Weblinks).
Die Vegesacker 'Studiobühne'
Die intime Größe der sogenannten Studiobühne im Gustav-Heinemann-Bürgerhaus passt schon gut zu dem sehr dichten Format dieser szenischen Lesung, wenn auch der Weg dahin vom Haupteingang durch Kellerflure und Treppen ins Untergeschoss einem eher ungastlich empfängt.
Abgesehen davon, dass auch der technischen Ausstattung der Bühne keine allzu großen Wunder zu entlocken sind, war die szenische Ausstattung angemessen gestaltet. Die gesamte Bühne passte mit ihren schwarzen Vorhängen an den sie umgebenden Wänden zum tristen Verlauf der vorgelesenen Geschichte, vielleicht hätten zwei identische, beides schwarze Tische oder Sekretäre das Bild noch adäquater und stimmiger einfassen können.
Gut war es, beide Stimmen über eine diskret austarierte Tonanlage zu verstärken, damit eine identische Stärke zu garantieren. Auch die sparsame durch die beiden links und rechts der beiden Schauspielern aufgestellten Standscheinwerfer dienten der wichtigen Konzentration auf den vorgetragenen Text.
»Adressat Unknown« on the Road?
Diese Vegesacker Inszenierung von gestern sollten noch mehr Menschen erleben dürfen, als es durch die noch folgenden Aufführungen geschehen wird (siehe unten in den Weblinks). Sie sollte auf Tournee gehen, warum nicht einen Abstecher ins THEATER BREMEN, auf die Bühnen des Stadttheaters Bremerhaven oder des Oldenburger Staatstheaters und weiter hinaus. Diese Inszenierung auch an Schulen zu spielen, würde in zeitgemäße Lehrpläne passen.
Nicht nur das Stück als solches, gerade in den aktuellen und noch in der nahen Zukunft zu befürchtenden Zeiten, in denen sich mit jedem Tag neue politische Dreistigkeiten abspielen, erlaubt sich dieses Aufführung für eine weitere Verbreitung und erst recht durch die ergreifende professionelle Darbietung von Anni Bulcke und Martin Mader.
Das Nachwort - geschrieben von Elke Heidenreich
Gerne würde ich meinen Bericht mit den Worten beenden, die Elke Heidenreich dazu gefunden hat (siehe auch im Download der Weblinks):
»Ich würde wieder mehr Vertrauen in dieses Land haben, wenn ich dieses Buch in den nächsten Monaten und Jahren aus vielen Jackentaschen ragen sähe. Ich träume von einer morgendlichen vollen U-Bahn in Berlin, in der Hunderte von Menschen Kressmann Taylor lesen, aufsehen und sich mit Blicken gegenseitig versichern: nie wieder.
Ja, das ist sentimental. Aber ich vertraue auf die Kraft von Büchern. Ich glaube, dass Millionen Deutsche Sätze formuliert und gedacht haben wie Martin Schulse. Ich glaube, dass Millionen Deutsche nicht wirklich wollten, dass Millionen von Menschen in Auschwitz, Buchenwald, Theresienstadt eingesperrt und ermordet werden würden. Aber wir heute wissen, dass es eben da endete. Wir wissen es. Und das genau macht die Dramatik dieser kleinen, starken Briefnovelle aus.«
Nachtrag:

Ach, und wie wohl tut es dem Rezensenten, wenn man nach einem entspannten Abendbier in einer der letzten in Vegesack noch lebendigen Hafenkneipen auf dem Nachhauseweg auf seinem in ganzen Kiez bekannten E-Dreirad am Abend nach der Premiere vor seiner Haustür noch auch einen der beiden Darsteller, auf Martin Mader, stößt und ihm schon mal vor Erscheinen dieses Posts noch einmal versichern kann, wie er und Anni Bulcke den gestrigen Abend gekrönt haben!
Weblinks:
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