• Guenter G. Rodewald

Ein Hauch von Jane Austen und Effi Briest in St. Magnus

Aktualisiert: 8. Aug.


25. Juni 2022- Die Presse hat wieder breit und ausführlich über das Open-Air-Festival SOMMER IN LESMONA berichten können. Denn nach zwei pandemiebedingten "abgespeckten" Ausgaben in 2020 und 2021 konnte das Event, das seit mittlerweile 24 Jahren von der international gepriesenen Deutschen Kammerphilharmonie Bremen · DKB) organisiert und bestritten wird, wieder volle Fahrt aufnehmen. So konnte vom 17. bis 19. Juni das Fest in Knoops Park in Bremen-St. Magnus in kompletter Ausstattung stattfinden. Das Ereignis hat sowohl musikalisch wie programmatisch einen durchaus familiär gefärbten Charakter und erfreut sich sicher auch aus diesem Grund nach wie vor großer Beliebtheit, so auch wieder dieses Jahr. Und wichtig: das Wetter spielte mit! (Siehe auch hier: Darf der das? Der darf das!)


SOMMER IN LESMONA · Nicht nur ein Motto eines Open-Airs


Sommer in Lesmona, diesen Titel sicherte sich die DKB aus gutem Grund für ihre Festival-Idee, denn er hat Gewicht in Bremen und umzu, trägt doch ein gewissermaßen Bremer Kultbuch denselben Titel, das geschrieben wurde von Marga Berck, bei deren Namen es sich um ein Pseudonym handelt, davon später.


Den Roman formen die Briefe zwischen zwei jungen Frauen von 18 Jahren, die zwischen den Jahren 1893 und 1895 datiert sind. Auf der einen Seite Magda Lürmann, oder Matti, wie sie sich selbst nennt und wie sie allgemein, auch von ihrer Freundin Bertha Elking, dem anderen Part der Korrespondenz, gerufen wird. Die beiden kennen sich seit ihren Kindertagen, sind Haus an Haus zusammen aufgewachsen. Sie schreiben sich über ihre unglücklichen Lieben und von ihren Unsicherheiten über das, wonach sie auf der Suche sind und wonach sie sich sehnen.


Matti ist viel mit ihrer Familie auf Reisen, schreibt Bertha – außer aus Bremen selbst – aus den Badeorten Wildungen, Baden-Baden und Kreuth, aus Wiesbaden, München, Berlin, Florenz, Rom und anderen Städten. Geld scheint in der wohlhabenden, großbürgerlichen Bremer Kaufmannsfamilie nicht zu fehlen. In ihren Briefen lernen wir Matti als kecke, kesse, lebenslustige junge Frau kennen, jedoch zwischen all den Flirts, mit denen man ihr zusetzt oder auf die sie sich versucht einzulassen, entsteht nie etwas, was sie glücklich machen könnte.


Das ändert sich jedoch auf einen Schlag im Frühsommer des Jahres 1897. Weil die Stadtwohnung der Familie wegen umfänglicher Umbauarbeiten von Handwerkern wimmelt, sucht man das Weite und schickt Matti zu der Familie ihres Onkels Herbert nach Sankt Magnus, das im Norden von Bremen an den hohen Uferhängen der Lesum (lat. Lesmona) nahe der Mündung in die Weser liegt. Dort steht das Sommerhaus des Onkels, eben die Villa Lesmona. Gäste kommen und gehen, benachbarte Familien, die ebenfalls die Sommerfrische dort draußen in ihren Residenzen genießen, aus der Stadt mit der Kutsche oder auch von weiter her.


So quartiert sich eines Tages auch der nur vier Jahre ältere gutaussehende, weltgewandte und freigeistige Percy Rösner ein, ein weit entfernter Vetter Magdas, der in London lebt und dort am Anfang seiner bürgerlichen Karriere steht. Jedenfalls verliebt sich Matti in den hübschen Gast so heftig, wie sie es bislang noch nicht erlebt hat. Und er sich in sie. Und voll von ihren Schwärmereien und ihrer Verliebtheit sind auch die Briefe, die sie Bertha nun aus Lesmona nach Bremen schickt und die ohne Neid an ihrem Glück Anteil nimmt.


Ein glückliches Paar


Magda und Percy rudern auf der Lesum – dort kommt es auch zum ersten heißen Kuss der beiden - sommerliche, norddeutsche Frische durchweht die Geschichte, die Sonne scheint durchweg zu strahlen - da wird vielleicht ein wenig übertrieben; aber schließlich handelt es sich, auch wenn sie nicht sehr glücklich ausgeht, um eine Liebesgeschichte. In der Dämmerung, am Abend treffen sie abends zu ihren Rendezvous auf ‚ihrer‘ Bank mit Blick auf den Fluss, unterhalb der Villa Lesmona, während sich dort oben die Gesellschaft amüsiert und von den Stelldicheins des Liebespaares nichts mitbekommt. An dem historischen Ort steht übrigens seit 2001 eine Büste von Magdalene Pauli, alias Marga Berck, in ihren Händen einen ihrer Briefe. Geschaffen hat sie der Bildhauer Claus Homfeld.

So verliebt die beiden auch sein mögen, ist Mattis Vater gegen eine Heirat.

Er wird die Heirat mit einem erst 22 Jahre alten Mann nicht erlauben, der den Ansprüchen ihrer großbürgerlichen Familie nicht genügt, bis sein Einkommen und seine Reputation hoch genug sein könnten, würde – wenn es ihm überhaupt gelänge – noch lange Zeit dauern. Ich erlaube mir abzukürzen: So wird sie die Ehe mit einem zehn Jahre älteren Kunsthistoriker eingehen, der sie umwirbt, den Matti aber nie so liebt, wie sie es mit Percy erlebt hat. Sie weist schließlich ihren jungen Verehrer zurück. Sie untröstlich, er auch. Das Ende ist herzzerreißend.


Die Prosa ist nie gekünstelt und die Briefe der beiden Mädchen klingen in keinem Moment gewollt, obgleich sie zu ihrem Hauptteil in ihren ursprünglichen Versionen erscheinen, so zeugt ihre Diktion unmissverständlich aus der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts. Die Briefform erzeugt eine durchgängige Spannung, und was die beiden jungen Frauen sich zu erzählen haben, ihre Nöte, die Rollen, die die Gesellschaft und das patriarchalische System von ihnen in dieser Zeit abverlangen, werden transparent, bedrücken durchaus und schaffen Solidarität zu der Heldin und ihrer Freundin beim Lesen.


Auch die reale Autorin des Romans und der Briefe, Magdalene Pauli, geb. Melchers (1875-1970), durfte ihren Percy, der eben auch in ihrem echten Leben existiert hatte, Johannes Gustav Rösing hieß er unliterarisch, nicht heiraten, sondern musste am Ende den gut zehn Jahre älteren Kunsthistoriker ehelichen, jenen Gustav Pauli, der später von 1905 bis 1914 Direktor der Bremer Kunsthalle wurde. In seine Zeit fiel übrigens der Kauf von Van Goghs Mohnfeld, der einen heftigen Künstlerstreit provozierte (siehe hier: https://bit.ly/3A5QOmz).


Ein Bremer Schlüsselroman

Für den Leser, der Bremen kennt oder hier lebt, ist das lokale Kolorit dieses Schlüsselromans zusätzlich von Reiz, die beiden Mädchen leben, wie ihre realen Vorbilder, in der damals besten Gegend der Contrescarpe, gegenüber der Mühle am Wall, fast Ecke Georg- heute: Bürgermeister-Smidt-Straße. Leider wurde dieser Teil der Uferstraße des Wallgrabens im Krieg vollkommen zerstört.


Und wenn man das Sommerhaus Lesmona und seine Umgebung während der Klassikkonzerte vor Augen hat, wo diese Liebesgeschichte ihren feurigen Anfang nimmt, damals im wirklichen Leben der Magdalene Melchers und für immer von Marga Berck, muss man den Roman einfach gelesen haben oder sollte ihn sich ins sommerliche Urlaubsgepäck packen.

Oder man verlegt die Lektüre gleich in Knoops Park, setzt sich bei gutem Wetter auf die Bank neben dem dortigen Denkmal der Autorin mit Blick auf die Lesum und wird immer mal wieder umweht von einem Hauch Jane Austen, wenn beide Schriftstellerinnen auch im Abstand von mehr als einem Jahrhundert geschrieben haben, aber mich zumindest versetzte Bercks Roman an mancher Stelle von Bremen und St. Magnus nach Britannien oder auch – da passt die epochale Kongruenz noch besser – ins Hinterpommern der Effi Briest.


Die Autorin hat diese Briefe aus ihrer Jugend in den späten 1940er Jahren ausgegraben und erst 1951 erstmals veröffentlicht, als sie bereits das hohe Alter von 75 Jahren erreicht hatte. Sie sind in Deutschland zu einem Klassiker geworden und in Bremen so etwas wie ein lokaler Kult. Mittlerweile hat man von dem Roman in seiner deutschen Ausgabe (gebunden, in Buchklubs und als Taschenbuch) fast 250.000 Exemplare verkaufen können. Und es gibt sogar Ausgaben in Italienisch, Französisch und Spanisch, auf letztere bin ich besonders stolz, denn die Rechte dafür habe ich seinerzeit an den Verlag Acantilado vermitteln können.

Durchaus beigetragen zum Erfolg und zur Beliebtheit der Geschichte um Lesmona, Matti und Percy hat die 1986 von Radio Bremen produzierte TV-Version des Romans, sie hat den gleichen Titel Sommer in Lesmona, es gibt sie in sechs Folgen à 50 Minuten und in einer Filmversion (Dauer 1':45"). Der Film bildet auch immer in der Samstagnacht einen festen Bestandteil des Festivals. Gut so, denn leider ist die entsprechende DVD nicht mehr greifbar. Die DKB sollte sich einfach mal um eine neue Ausgabe kümmern, ihr wären sicher gute Verkaufszahlen im Rahmen des Festivals garantiert. Katja Riemann (*1983) spielte hier ihre allererste Filmhauptrolle als Matti, Herbert Grönemeyer schuf die Titelmusik und für Peter Beauvais (1916-1986) war es dessen letzte Regiearbeit, die Ausstrahlung seiner Produktion durfte er nicht mehr erleben.


Im Internet tauchen übrigens Gerüchte von einer Neuverfilmung durch eine Bremer Produktionsfirma auf, hoffentlich nicht im ZDF-Sonntagabend-"Sonntag in"-Format, das hätte die literarische Qualität des Romans nicht verdient; aber dem heutigen Rechteinhaber LangenMüller aber war - zumindest früher - fast alles Recht...


Mit nicht ganz aufrichtigen Mitteln...


Seit der ersten Ausgabe des Romans wird im Nachwort behauptet, die Briefe seien vollkommen authentisch, lediglich die Klarnamen der Personen seien verändert worden, um niemanden in der Bremer Gesellschaft zu brüskieren. Wer sich allerdings in der Bremer Geschichte und ihren Familien auskennt, wird auch heute noch die meisten der Spuren selbstständig entschlüsseln können.


Dazu hat der Bielefelder Germanistikprofessor Bernd W. Seiler mit seiner 1993 erstmals erschienenen Veröffentlichung „Es begann in Lesmona – Auf den Spuren einer Bremer Liebesgeschichte“ Magdalene Pauli schon vor langem nachweisen können, dass man sehr wohl manipulatorisch bei der Herausgabe der Briefe gehandelt hat. Damit hat die Autorin schon Thomas Mann und seine Frau Katja hinters Licht führen können, beide liebten den Roman („ein echtes und rechtes, ergreifendes Kunstwerk“ äußerte sich Thomas Mann 1952).


Darum könnte der Rowohlt Verlag nun wirklich endlich seiner Ausgabe, der aktuell einzig lieferbaren, ein neues Nachwort anfügen, das den neuen Erkenntnissen der Genese des Romans gerecht würde. Den Lesegenuss wird das keinesfalls versauern, das garantiere ich!

 

»Sommer in Lesmona« · Bildergalerie

 

»Haus Lesmona« heute

Nachdem sich das Haus gegen Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in recht verwahrlostem Zustand befand, außerdem durch eine Brandstiftung noch weiteren Schaden genommen hatte, entschied sich der Eigentümer, der Bremer Senat, die Immobilie zu veräußern und bot sie dem Künstlerehepaar Waller zum Kauf an, sie, Birgit Waller, Galeristin und er, Jürgen Waller (21. Juni 1939 - 20. Februar 2022), hoch anerkannter Künstler und von 1989 bis 2002 Rektor der HfK Bremen.


1982 hatte Birgit Waller ihre Galerie in der Böttcherstraße in den Räumen des Paula Becker Modersohn Hauses eröffnet, zog dann aber 1986 in die Villa Lesmona. Hier setzte sie ihre Idee einer Skulpturengalerie und eines Skulpturenparks um.

Homepage | Jürgen Waller: http://www.juergenwaller.de/

Homepage | Birgit Waller: http://www.villa-lesmona.de/

 

Weblinks:

 

Wenn Du willst, kannst Du mir gerne Deinen Kommentar schicken, und zwar an diese Mail-Adresse: blog.guenny@mercadodelibros.info.

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