Schaff' ich das? Ja, ich schaffe das!
- Guenter G. Rodewald

- vor 2 Tagen
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Im März 2026 · Schaff ich das? Diesen Satz, diese Frage so formuliert von jener Bundeskanzlerin, die wir alle bei dieser Wortwendung im Sinn haben, stellte ich mir in der genau gleichen Wortwahl, als mein Mann Hartmut, mit dem ich gute 40 Jahre zusammen war und fast die ganze Zeit auch unter einem Dach zusammen gelebt habe - zuerst unter einem in Bremen und unter sechs weiteren in Barcelona und wieder zwei weiteren seit 2016 wieder in Bremen - als er im Dezember 2024 verstarb. Ja, damals fragte ich mich: Schaff ich das? Kann ich ohne Hartmut weiterleben oder wie kann es gehen, alleine weiterzuleben?
Ja, ich schaffe das!
Genauso, und so wie ich gebaut bin (die Gene meiner Mutter greifen mir oft unter die mentalen Arme!) antwortete ich mir: Ja, ich schaffe das! Als erstes Mittel ergriff ich die Gelegenheit, dass ich mich sofort entschloss und auch schon vorher während seines Sterbens immer wieder daran dachte, die Rede an Hartmuts Trauerfeier selbst zu halten. Wir haben nie in unserem zwar sehr offenem Zusammenleben aber doch nie über das Thema des Sterbens gesprochen. Ich bin immer noch sicher, er hätte das nicht gewollt/gekonnt, und ich habe das immer respektiert. So weiß ich umso mehr, dass es ihm gefallen hätte, dass ich den Abschied zwischen uns in Worte fassen würde. Manche der klitzekleinen Anspielungen, die ich in meiner Rede einbauen konnte und die nur er hätte erkennen können, hätten ihm gefallen, hätte ihn seine wunderbare Art zu verschmitzten Lächeln spielen lassen. Da war und bin ich sehr sicher. Es war dann eine Art einer ersten Erlösung, da oben auf der Empore zu ihm zu sprechen. Die Musik machte das ihre (Ludovico Einaudi / David Bowie / Gustav Mahler).
Und dann?
Dann kamen ein paar Wochen, während derer ich das Gefühl hatte, ja, ich schaff das alles gut. Aber von wegen. Ich begann mich dann doch bald im Kreis zu drehen, allein gelassen worden zu sein, bei all der herzlichen Anteilnahme und der vielen Hilfestellungen und -Angebote, die mich von Freunden, Freundinnen und vielen aus den Familien, Hartmuts und meiner, erreichten. Da entschloss ich mich, mir externe Hilfe zu suchen und meldete mich bei dem sehr engagierten, ohne irgendeiner Gesinnung oder gar religiösen oder dogmatischen Weltbildern anhängenden Hospiz Bremen-Nord e.V. zu einem sogenannten Trauercafé an. Der Verein hatte uns schon mit Rat und Tat zur Seite gestanden in Hartmuts allerletzten Tagen im Krankenhaus, wo er auch starb, dabei von den Ärztinnen und Ärzten und dem Pflegepersonal so großzügig unterstützt, wie es unsere Gesetze erlauben.
Auf Los geht's los!
So besuchte ich am 6. April 2024 das erste Mal den Gesprächskreis. Jeden Monat wieder, nur wenige Male fehlte ich, einmal am Wochenende meines Umzugs, einmal hatte ich es verschlafen und einmal gab es einen anderen Anlass, nicht dazuzukommen.
Am vergangenen Samstag war ich dann das letzte Mal dabei. Es war mir ein Bedürfnis, der Gruppe und den Moderatorinnen Britta Brunßen und Astrid Wurthmann zu danken, aber auch zu resümieren, wie wichtig und hilfreich die zwei Jahre für mich waren, in denen wir immer am ersten Samstag jeden Monats zusammenkamen.
Mein »Abschiedsbrief«
Mit diesen Worten habe ich das in diese Worte gefasst:
»Man kommt kurz vor dem Einstieg in die Nacht nach Hause, und es gelingt bereits jetzt im frühen März, sich vorm Zubettgehen noch einen guten Moment auf den Balkon zu setzen, ohne zu erfrieren. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man merkt, über manches, was in der Vergangenheit Schmerzen verursacht hat, hinweg gekommen zu sein scheint. Meine treuesten Gesellen in den vergangenen Jahren waren Don Optimismo und der Geselle Unverzagt. Und die vielen Freunde und die guten Verwandten um mich herum.
Und so entschloss ich mich da in der Nacht auf meinem Balkon, dass ich am Tag darauf, an dem das nächste Treffen unseres Trauercafés angezeigt war, ich mich verabschieden wollte.
In diesen zwei Jahren habe ich keine unangenehmen, gar nervigen Sitzungen in Erinnerung behalten, mir selbst war mir meine grundsätzlich zur Verfügung stehende Kommunikationslust als Hilfe sehr nützlich, dennoch war es auch mir nicht immer leicht, das zu äußern, was mich belastete. Aber die grundsätzliche Anlage dieser Treffen nach dem Grundsatz »Jede/r kann sagen, was er/sie mag, aber keine/r muss!« galt immer und in jedem Treffen. Dabei tat einem immer die Erfahrung gut, dass man so manches offen aussprechen konnte.
Ich bin sicher und weiß, dass es den anderen Teilnehmern ebenso ergeht, obwohl man nie oder nur selten erfahren kann, warum jemand nicht wiederkommt, was aber die Sache von jedem und jeder einzelnen bleibt. Obligationen dieser Art gibt es in diesem Kreis nicht.
Ich habe allerdings immer gespürt, dass mir die Treffen helfen, und wenn ich mich jetzt von Euch verabschiede, geschieht das nicht, weil mich hier etwas langweilt, sondern dass sich das sichere Gefühl eingenistet hat, ich hätte dafür meinen Trauer-Freischwimmer in der Tatsche und brauchte dafür noch nicht einmal vom gefürchteten Springturm springen.
Einen solchen tatsächlichen Sprung musste ich wirklich einmal leisten, es muss 1964, 65 gewesen sein, in der achten Klasse, die ich zweimal absolvieren musste, im Stadionbad in Bremen, der Turnlehrer (in jener vorherigen Zeit war er HJ-Führer) befahl mir, auf den 10-Meter-Turm zu steigen und von da ganz oben in das Bassin hinunterzuspringen, verbunden mit dem Ruf, das 'R' rollend, wie man es vom Führer Adolf Hitler aus den schwarz-weißen Wochenschauen schon kannte:
'Rrrrodewald, Du sprrrringst da jetzt rrrrunter, oder Du krrrriegst ʹne Fünf im Turrrrnen!' Damals war ich noch nicht so mutig, mich zu weigern, heute würde ich, hoffe ich von mir, gar nicht erst hochsteigen, aber wer weiß das…
Ich traue mich zu sagen, dass ich den Eindruck habe, dass sich meine Trauer verwandelt hat, oder ich selbst sie, dahin, dass mir bewusst geworden ist, dass ich das, was geblieben ist, das das Gefühl des Alleinseins, vielleicht immer auch noch eine gewisse Einsamkeit, nur dadurch verringern kann, wenn ich auf anderen Ebenen als hier in unserem Kreis auch noch offensiver mit mir umgehen werden, bzw. neue Offensiven starten muss.
Beispielsweise das 'Fährhaus' am Utkiek, das für mich vom Sommer von einer Kneipe an der Uferpromenade zu einer Herbst- und Winterkneipe geworden ist, obwohl manchmal, gerade am Wochenende, fatal überfüllt und extrem vollgequalmt. Dann drehe ich wieder um und radele wieder nach Hause, sind durch den Stadtpark lt. Google Maps nur 1,1 km.
Durchaus habe ich durchaus die Hoffnung, dass ich dort jemanden kennenlernen würde, zu dem ich wieder eine engere Beziehung aufbauen könnte, ja, und warum nicht? mich wieder in jemanden verknallen könnte. Ja, das sehe ich wieder als legitime Perspektive vor mir.
Auch dadurch, dass ich ins Zentrum von Vegesack gezogen bin, die Entscheidung, mich, was das Wohnen betrifft, zu verkleinern, hat mir geholfen. Ich denke, den ganzen Mut dazu und das gewaltige Ausmaß, den der Umzug von mir abverlangt hat, physisch, wie mental, zu ertragen und die Kraft dafür gefunden zu haben, das ist mir auch gerade durch diese unsere Gruppe hier gelungen.
Ich wohnte vorher ja gar nicht so viel weiter weg von da, wo ich jetzt wohne, nur knappe 3 km. Aber jetzt sitze ich mitten im Nukleus dieser Kleinstadt, ich fahre nur über die Plaza im Innenhof des umgebauten Hartmann-Stiftes, in dem ich wohne, bin dann schon am unteren Streifen der Gerhard-Rohlfs-Straße, treffe da schon entweder Nachbarn aus unseren sechs Blöcken, Mitarbeiter der NORDDEUTSCHEN, die da unten ihre Redaktionsräume hat, die nette, immer bunt gekleidete Blumenverkäuferin ein paar Häuser weiter, bei ihr sehe ich immer Elisa Doolittle aus ‚My Fair Lady‘ vor mir, dann der Grünmarkt an drei Tagen der Woche, das DEM-Café am Hinkelstein, und wenn ich mit meinem Dreirad durch die Fußgängerzone radele, treffe ich immer Leute, die ich mittlerweile kenne und/oder die mich.
Das macht alles viel mit einem, denn man redet miteinander, tauscht sich aus. Und beim nächsten Anlass trifft man sich wieder in einem ganz anderen Zusammenhang. Ganz einfach, man ist dann nicht allein, und das Nichtalleinsein verjagt ganz automatisch die Trauer. Das ist zu meinem Trick geworden. Der aber funktioniert!
Abschließend kann ich wirklich sagen, dass mir diese zwei Jahre mit Euch, und manche kenne ich vom ersten Treffen an, mir sehr geholfen haben. Ohne Euch, auch natürlich ohne Euch beide, Britta und Astrid, wäre ich ganz sicher jetzt noch längst nicht so weit vorangekommen wie ich mich heute fühle.
Und wenn ich mich dann doch einmal wieder nicht ganz so forsch bewege, dann komme ich einfach wieder, wenn ich dann noch erwünscht wäre.«
Und dieses waren zwei Jahre lang meine zwei »Trauerengel« Britta und Astrid:

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